Eigentlich sollte Etsuro Honda jetzt gar nicht arbeiten. Denn an diesem Nachmittag, als ihn die «Handelszeitung» in seinem Botschafterbüro in Bern besucht, hält Japan seinen ersten «Premium Friday» ab: Angestellte sollen einmal im Monat schon um 15 Uhr nach Hause gehen, statt wie üblich bis nachts um zwei Uhr auszuharren.

Doch hier im Engeried-Quartier, zwölf Flugstunden von Tokio entfernt, ticken die Uhren anders. «Diese Aktion gilt für uns nicht», sagt der Botschafter und lehnt sich in seinem Sessel zurück, «oder?» Sein Wirtschaftsattaché, der vis-à-vis auf dem Ledersofa sitzt, verneint lachend. In Bern seien lange Arbeitszeiten ohnehin nicht so ein Problem wie in Tokio.

Japaner schuften bis zum Umfallen

Mit Japans Botschafter ist gut Scherzen. Doch es gibt ein ernstes Thema zu diskutieren: die Stagnation. Seit dem Wirtschaftscrash in den 1990er Jahren schuften die Japaner bis zum Umfallen. Doch das Land findet nicht zum Erfolg. «Wir sprechen von den verlorenen Jahrzehnten», sagt Honda. «Kein anderes Industrieland hat über fast zwanzig Jahre eine so schwere Zeit erlebt.»

Der 62-jährige Karrierebeamte wäre nach Dienstvorschrift schon pensioniert. Dass er dennoch in der Schweiz weilt, liegt an seinem Status. Honda ist einer der Erfinder von «Abenomics», dem Wirtschaftsprogramm von Shinzo Abe, das Japan endlich aus dem Tal führen soll. Er ist hier, um die Politik dem europäischen Publikum näherzubringen. «Ambassador in charge of Financial and Economic Affairs in Europe» steht auf seiner Visitenkarte.

Investoren verstehen die Politik nicht

Botschafter für Abenomics also. Eine atypische Rolle, die Honda atypisch interpretiert. «Nicht strikt autorisiert» seien seine Ausführungen, erklärte er schmunzelnd an einem Vortrag in Zürich, an dem er die Vorzüge monetärer Staatsfinanzierung erläuterte. Neben ihm sass eine eingeflogene Vertreterin der Bank of Japan und machte grosse Augen. Botschafter Honda geniesst in der Schweiz Narrenfreiheit und kostet dies mit Genuss aus.

Das ist gut so. Abenomics hat etwas positiven Spin bitter nötig. Seit vier Jahren drückt die Bank of Japan aufs Gas, 40 Prozent der Staatsanleihen und einen Viertel des Aktienmarkts hat sie schon aufgekauft. Der Staat hat Schulden über 240 Prozent des BIP aufgenommen. Den Sinn der massiven Interventionen mag die Welt nicht verstehen. «Das radikalste geldpolitische Experiment der Welt funktioniert nicht», schrieb das «Wall Street Journal».

Botschafter Honda hält dagegen. «Das Urteil ist komplett falsch.» Zwei Millionen Jobs seien bereits entstanden. Mehr Frauen seien im Arbeitsmarkt. Mittlerweile herrsche auch fast wieder Vollbeschäftigung.

«Das sind konkrete Ergebnisse», sagt Honda. Für den einstweiligen Rückschlag sei die Erhöhung der Konsumsteuer vor drei Jahren von 5 auf 8 Prozent verantwortlich, eine Massnahme, die bereits vor Abe aufgegleist worden war. Dies habe die spendierfreudigeren Japaner wieder ins alte Muster zurückgeworfen – in ihr Mindset der Geldhortung, das es laut Honda unbedingt zu durchbrechen gilt.

Grillieren am Fuss des Mount Fuji

Hondas Einfluss ist es zuzuschreiben, dass sich Abe letztes Jahr entschloss, eine für 2017 geplante, weitere Erhöhung der Steuer von 8 auf 10 Prozent zu verschieben. Der Botschafter geniesst das Vertrauen des Premiers, seit sich die beiden Männer vor 38 Jahren in einer Bar kennengelernt haben. Honda hatte damals im einflussreichen Finanzministerium angefangen, Abe war bei der Kobe Steel Company angestellt. Die Wege kreuzten sich erneut, als Japans Aussenminister, ein gewisser Shintaro Abe, Ende der 1980er Jahre in die Sowjetunion reiste, mit Sohn Shinzo im Schlepptau. Als Betreuer vor Ort amtete Etsuro Honda – damals zweiter Sekretär der Botschaft in Moskau.

Als «visionären und humorvollen Menschen mit einer gesunden Aggressivität beim Golf» beschreibt Honda seinen Weggfährten, den er im Sommer manchmal zum Barbecue trifft – in der Villa des Premiers am Kawaguchi-See, in Sichtweite des Mount Fuji. Die Zusammenarbeit war 2012 vertieft worden, als Honda durchs Land tourte und für Reflation warb: Jene Politik der forcierten Inflationserhöhung, die das Herzstück von Abenomics bildet.

Hoffen auf Preiswachstum

Honda ist zuversichtlich, dass die Politik ihr Ziel erreichen wird. «Wenn die Bank of Japan weiter alle Anleihen aufkauft, die der Staat ausgibt, muss irgendwann Inflation entstehen», sagt er. «Wenn das nicht so wäre, könnte sich Japan komplett steuerfrei über die Notenpresse finanzieren – was unmöglich ist.» Honda hofft, dass die Preise bereits im Lauf des Jahres 2018 wieder mit 2 Prozent wachsen, die Löhne sogar schneller. Nach einer Phase der Erwartungsstabilisierung mit überschiessender Inflation könne die Bank of Japan dann gegen Ende 2019 mit dem Abbau ihrer Wertpapierkäufe beginnen.

Experten bleiben skeptisch, ob der Plan aufgeht. Die meistgeäusserte Kritik betrifft den «dritten Pfeil» von Abenomics, die Reformen. Alles Geld-Drucken und alle Staatsdefizite bringen nichts, wenn Japan nichts gegen die Verkrustung unternimmt. Rigide Strukturen prägen das Land: Die Wirtschaft schleppt unproduktive Angestellte in unkündbaren Verhältnissen durch und beutet den Rest in temporären Tieflohnjobs aus. Importschranken hemmen den Wettbewerb. Bürokratie bremst Startups aus. Die Jugend ist desillusioniert: Viele Angestellte unter 35 haben noch nie eine Lohnerhöhung erhalten.

Die Defizite seien ihm bewusst, so Etsuro Honda. «Viele jungen Leute hatten Mühe, einen guten Job zu finden», sagt er. Manche Paare zögerten aus Zukunftsangst mit der Familiengründung. Tatsächlich zählt die Familienpolitik zu Japans grössten Problemen. Das Land verzeichnet (nach Monaco) die niedrigste Geburtenrate der Welt. Die Bevölkerung zwischen 20 und 64 Jahren ist seit dem Jahr 2000 um 10 Prozent geschrumpft, bis 2030 dürfte sie nochmals um 10 Prozent zurückgehen. Kein Wunder, stehen Japans Firmen auf die Investitionsbremse: Es sind schlicht zu wenig Konsumenten da.

«Die Regierung arbeitet hart daran, die Situation zu verbessern», sagt Honda. Er verweist auf eine Serie von Initiativen, die als «Abenomics 2.0» bekannt wurden, wie der Bau von Krippen und Kindergärten und höhere Familienzulagen für das zweite und dritte Kind. Die expansive Geldund Fiskalpolitik brauche es aber so oder so, meint er. «Gerade Abenomics könnte wieder mehr Optimismus erzeugen.»

Mentale und personelle Abschottung

Vielleicht liegt der Botschafter richtig. Vielleicht auch nicht. Der Vergleich mit der Schweiz ist aufschlussreich. Technisch und ausbildungsmässig liegen die beiden Länder auf demselben Stand. Doch die Schweiz ist viel offener. Der hiesige Ausländeranteil liegt bei 23 Prozent, Japan kommt nicht einmal auf 2 Prozent. Die Zuwanderung ist praktisch gleich null. Würde sich Japan nicht derart abschotten, wären wohl auch keine Abenomics nötig.

«Japan braucht frisches Blut», räumt Honda ein, der mit seiner Familie zehn Autominuten entfernt von der Botschaft wohnt. Hochqualifizierte Zuwanderer könnten Firmen innovativer machen und helfen, das japanische Gruppendenken zu durchbrechen. Bedarf für eine ambitioniertere Immigrationspolitik sieht er aber nicht. Auf Niedrigqualifizierte sei man nicht so stark angewiesen, sagt er. Auch nicht in der Altenpflege: Dort könnten neu erwerbstätige Frauen, ältere Menschen und Roboter die Arbeit übernehmen.

«Zu viel unproduktive Zeit im Büro»

Die Zeit ist um. Der Nachmittag am Berner Stadtrand neigt sich dem Ende zu. In Tokio ist es jetzt zwei Uhr morgens. Viele Leute arbeiten wohl noch, trotz Premium Friday – was Honda stört. «Wir verbringen zu viel unproduktive Zeit im Büro», sagt er, «nicht nur am Freitag, auch von Montag bis Donnerstag.» Man kommt nicht umhin, einmal allen Japanern ein Time-out in der Schweiz zu wünschen. Gut möglich, dass Japan dann noch auf ganz andere Gedanken als Abenomics käme.