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Brasilien
Mit diesen Baustellen hat Rio vor Olympia zu kämpfen

Verseuchtes Wasser, Zika-Virus, zu kleine Betten: Kurz vor Beginn der Olympischen Spiele am Freitag läuft in Rio noch längst nicht alles rund. Ein Überblick über die grössten Baustellen.

Von Caroline Freigang
am 03.08.2016

Auf einer Yacht, gesteuert von sieben olympischen Segel-Medaillen-Trägern, hat die Olympische Fackel Rio de Janeiro erreicht. Die Aufregung der Teilnehmer und Besucher vor der riesigen Eröffnungsfeier für die Olympischen Spiele am Freitag steigt weiter. Bis zum 21. August messen sich in der brasilianischen Metropole mehr als 11'000 Athleten aus über 200 Ländern in 42 Disziplinen – vom Bogenschiessen über Synchronschwimmen bis zum Triathlon ist alles vertreten.

136 Medaillen werden in etwas über zwei Wochen an Frauen vergeben, 161 an Männer, neun an gemischte Teams. Die Stadt hat sich lange auf ihre grosse Show vorbereitet – doch auch noch kurz vor Beginn der Spiele bereiten eine Reihe von Baustellen den Athleten, Zuschauern und Sicherheitsbehörden Kopfschmerzen. Ein Überblick:

  • Terror: Am 21. Juli, zwei Wochen vor Beginn der Olympiade, nahm die brasilianische Polizei zehn Verdächtige fest, die einen Terroranschlag auf die Spiele geplant haben sollen. Wie das Nachrichtenportal «O Globo» berichtete, arbeitete die Gruppe bereits an konkreten Plänen. Der Justizminister versicherte dennoch, die Terror-Gefahr während der Olympischen Spiele sei «sehr klein». Die nun zerschlagene Gruppe sei «eine absolute Amateur-Zelle» und schlecht organisiert gewesen.
  • Streiks: Aufgrund der sozialen und politischen Spannungen ist mit Streiks, Demonstrationen und Ausschreitungen zu rechnen, schreibt das EDA auf seiner Website. Streiks können zu Strassenblockaden und Verspätungen führen: Ein Ärgernis für all jene, die rechtzeitig zu einer olympischen Veranstaltung gelangen möchten.
  • Zika: Das Zika-Virus, welches für Schädelfehlbildungen bei Ungeborenen verantwortlich gemacht wird, verbreitet sich weiter in Brasilien. Für Reisende an die Olympischen Spiele gilt deshalb besondere Vorsicht vor Mückenstichen, schreibt das Bundesamt für Gesundheit (BAG). Besonders schwangeren Frauen wird von einer Reise nach Brasilien derzeit abgeraten. Empfohlen wird, sich drinnen und draussen mit langen, mit Insektiziden behandelten Kleidern und wirksamen Vergrämungsmitteln vor Mücken schützen. Wer sich während seiner Zeit in Rio unwohl fühlt, kann die Gesundheits-App «Guardiões de Saúde» herunterladen, welche das brasilianische Gesundheitsministerium für die Zeit der Olympischen Spiele entwickelt hat. Mit der App können Nutzer täglich den eigenen Gesundheitszustand dokumentieren. Wer sich krank fühlt, wird über Symptome befragt. Mit diesen Berichten helfen die Nutzer dem Gesundheitsministerium, die aktuelle Lage von übertragbaren Krankheiten früh zu erkennen.

  • Wasserqualität I: Im Vorfeld der Olympiade machen sich vor allem die Segler, Windsurfer und Kanuten Sorgen um ihre Gesundheit: Ihre Rennen finden in der stark verseuchten Guanabara-Bucht bei Rio de Janeiro statt. Der Umweltaktivist Sérgio Ricardo nennt das Gemisch im Wasser Spiegel.de gegenüber den «Molotow-Cocktail der Guanabara-Bucht»: Es riecht nach Fäkalien und Müll, im Wasser treiben Abfall, Flaschen, Kleider- und Einrichtungsstücke. Der deutsche Segler Erik Heil war letztes Jahr von einer Testregatta in Rio mit Entzündungen an Beinen und Hüfte zurückgekehrt. Verursacht worden sollen diese von multiresistenten Keimen sein, die sich der 26-Jährige in der Guanabara-Bucht eingefangen hatte. Die Regierung des Bundesstaates Rio de Janeiro und das Olympische Komitee hatten sich zwar zum Ziel gesetzt, bis zur Olympiade 80 Prozent der Abwasser, die in die Bucht fliessen, zu klären. Dieses Ziel liegt jedoch in weiter Ferne.
  • Wasserqualität II: Weil das Wasser in Olympia-Ställen stark gechlort ist, hat die deutsche Reit-Equipe ihre Pferde bereits Wochen vor der Olympiade daran gewöhnt, Apfelschorle zu trinken. Das bestätigte Dressurreiterin Kristina Bröring-Sprehe gegenüber «Bild+»: «Bei meinem Pferd Desperados hat das geklappt. Er hat keine Probleme mit der Apfelschorle.
  • Dreckiges Olympia-Dorf: Kein Wasser, kein Licht, defekte WC-Spülungen, offene Kabel: Kurz vor Beginn der Spiele befand sich das Olympia-Dorf noch in desaströsem Zustand. Das australische Team bezeichnete die Häuser als «unbewohnbar» und weigerte sich zunächst, in die Wohnungen zu zügeln. Vertreter anderer Länder reagierten praktischer: Die Spanier organisierten sich einen eigenen Elektriker, die Italiener einen Maurer, um ihren Zimmern den letzten Schliff zu verpassen. Das US-Basketballteam gab schon im April bekannt, während den Olympischen Spielen auswärts zu residieren: nämlich auf dem Luxus-Kreuzfahrtschiff «Silver Cloud». Dieses ist mit Einzelzimmern, Whirlpool, Kino, Zigarren-Lounge und etlichen weiteren Annehmlichkeiten ausgestattet. Das olympische Dorf sei nicht der beste Ort, sich auf den Wettkampf vorzubereiten, sagte Craig Miller, Sprecher des US-Basketballteams der Nachrichtenagentur Associated Press damals. Einziges Problem: Die Betten auf dem Schiff seien zu kurz für die Spieler, aber «dasselbe Problem würde auch im Dorf bestehen», so Miller.

Auch Andrew Bogut, der für Australien in der Basketball-Mannschaft antritt, kämpft mit zu kurzem Inventar: In seinem Zimmer im olympischen Dorf nähte er sich kurzerhand einen längeren Duschvorhang zusammen:

 

  • Gewalt: Brasilien kann ein gefährliches Pflaster sein: Die Zahl der Mordraten im Bundesstaat Rio de Janeiro ist in der ersten Jahreshälfte um 17 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Von Januar bis Juni gab es 2470 Morde. Die Zahl der Raubüberfälle auf offener Strasse stieg um 34 Prozent auf fast 59'000 an - Grund genug, sich als Besucher oder Teilnehmer der Spiele in Acht zu nehmen. Besonders an den Stränden, Promenaden, Restaurants und Bars der beliebten Stadtviertel Copacabana, Ipanema, Leblon und Lapa ereignen sich immer wieder Diebstähle und Blitzüberfälle. Auch Expressentführungen nehmen zu, bei denen das Opfer zu Bargeldbezügen mti der Kreditkarte gezwungen wird. Auf dem Olympia-Gelände ist das Sicherheitsdispositiv derweil enorm: Neben über 85'000 Polizisten und Armeeangehörigen sollen auch tausende private Sicherheitsleute für die Sicherheit sorgen. Doch auch hier zeigten sich Lücken: Erst am Montag - vier Tage vor Beginn der Spiele - wurde ein Mitarbeiter einer privaten Sicherheitsfirma wegen eines sexuellen Übergriffs festgenommen. Er hatte im Velodrom im Olympia-Park eine schlafende Feuerwehrfrau angegriffen.

Der jamaikanische Sprint-Star und sechsfache Olympiasieger Usain Bolt posiert mit Sicherheitspersonal:

  • Pokémon-Entzug: So mancher Athlet musste nach seiner Ankunft in Rio mit einer Enttäuschung fertig werden: Es gab bislang kein Pokémon Go in Brasilien. Der französische Kanute Matthieu Péché veröffentlichte auf Twitter einen Screenshot der Spiele-App, auf dem sein Avatar allein auf weiter Flur zu sehen ist - ohne jegliche Kreaturen, die es zu fangen gäbe. Auch der britische Kajakfahrer Joe Clarke stellte fest: «Kein Pokémon am olympischen Austragungsort Deodoro! Oder in Brasilien!??» Die Hiobsbotschaft versah er mit einem gebrochenen Herzen. Rios Bürgermeister Eudardo Paes hatte sich noch in Schadensbegrenzung versucht und an den Spielehersteller Nintento appelliert, den Markteintritt in Brasilien zu wagen. Auf seiner Facebook-Seite schrieb er: «Guten Tag, Nintendo! Nur noch 23 Tage bis zu den Olympischen Spielen in Rio 2016. Die ganze Welt wird hierher kommen. Kommt auch!» Und tatsächlich reagierte Nintendo: Seit Mittwochabend ist Pokémon Go auch in Brasilien verfügbar. Erleichterung war auch im französischen Kanuten-Camp zu spüren (siehe unten). Immerhin eine Baustelle - für einige die wichtigste - die vor Olympia behoben werden konnte.

 

 

...und dann die Erleichterung:

 

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Athleten monieren Zustand des Olympischen Dorfes

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Kaputte Toilettenspülungen, tropfende Rohre, offene Kabel: Das Olympische Dorf ist keine zwei Wochen vor dem Start der Sommerspiele in Rio offenbar in einem schlechten Zustand.