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«Mt. Gox war schon lange ein latentes Problem»

Luzius Meisser: Der Präsident der Schweizer Bitcoin Association ist optimistisch.   Keystone

Bitcoins stehen in der Kritik. Der Präsident der Schweizer Bitcoin-Vereinigung erklärt, warum die gescheiterte Börse lange ein Problem war, wo er die Währung kauft und warum es wieder aufwärts geht.

Von Mathias Ohanian
am 26.02.2014

Mt. Gox war lange die grösste Börse der boomenden Internetwährung Bitcoin. Inzwischen ist die Webseite offline – viel mehr weiss man noch nicht. Herr Meisser, Sie sind Präsident der Schweizer Bitcoin-Association. Was genau ist gestern eigentlich passiert?
Luzius Meisser: Vieles spielt sich derzeit noch im Reich der Spekulation ab. Es gibt Gerüchte über gescheiterte Übernahmepläne anderer Börsen. Kritiker wenden aber ein, dass die entsprechenden Dokumente gefälscht sein könnten. Möglich ist auch, dass über 700'000 Bitcoins gestohlen wurden. Sie könnten aber auch nur falsch aufbewahrt worden sein – und Mt. Gox hat den Zugang zum Depot verloren.

Bedeutet das für die Anleger im schlimmsten Fall den Totalverlust ihres eingesetzten Kapitals?
Das wäre der Worst Case. Die meisten bei Mt. Gox hinterlegten Bitcoins dürften aber nur zur Spekulation gedient haben. Das Unternehmen hat schon seit Monaten Auszahlungsprobleme. Kein langfristig orientierter Anleger, der sich vernünftig informiert, dürfte dort sein Geld liegengelassen haben. Die anhaltenden Probleme und die schlechte Kommunikation von Mt. Gox waren übrigens der Grund, warum ich mein Geld dort schon vor einem halben Jahr abgezogen habe.

Wie viele Schwarze Schafe gibt es in der Bitcoin-Branche?
Das ist offen. Im vergangenen Jahr hatte mit Bitcoin24.de eine andere Börse ebenfalls Schwierigkeiten. Das Unternehmen wurde von einer relativ unerfahrenen Einzelperson geführt, die sich kaum um die rechtlichen Fragen scherte. Anleger haben in diesem Fall bislang alle Bitcoins sowie 72 Prozent ihres Geldes in Euro zurückbekommen. Der Rest scheint noch immer auf einem Bankkonto in Polen eingefroren zu sein. Generell findet eine Professionalisierung statt. Die neuen Börsen sind rechtlich gut abgesichert. In Deutschland und der Schweiz braucht man für die Entgegennahme von Kundeneinlagen eine Bankenlizenz – oder zumindest einen Partner, der eine besitzt. 

Durch das Debakel von Mt. Gox ist viel Vertrauen verloren gegangen. Wie wollen Sie als Verband das verlorene Vertrauen der Öffentlicheit wieder aufbauen?
Es braucht viel Zeit, um Vertrauen aufzubauen. Allerdings ist zu viel Vertrauen in ein neuartiges System auch ungesund – denn es gibt Risiken. Das System Bitcoin existiert noch nicht lange und die Zukunft ist ungewiss. Aber es ist wichtig, zwischen den Vorkommnissen bei einer einzelnen Börse und dem Gesamtsystem Bitcoin zu unterscheiden. Wenn bei einem Flashcrash an der Nasdaq binnen Sekunden Milliarden vernichtet werden, wird auch nicht das gesamte Finanzsystem infrage gestellt.

Sind die Warnungen von Verbraucherschützern und Behörden wie der Schweizerischen Nationalbank gerechtfertigt?
Ja, der Bitcoin ist als Anlageobiekt sehr riskant. Und spekulieren sollten nur Menschen, die es sich auch leisten können. Im schlimmsten Fall droht nun mal der Totalverlust. 

An welcher Börse kaufen Sie denn ihre Bitcoins?
Zuletzt habe ich Bitcoins bei Bitstamp gekauft. Dort gab es bislang keine Probleme. Ich habe auch gehört, dass Bitfinex sehr gut sein soll. Dort gibt es noch mehr Möglichkeiten: Man kann sich zum Beispiel verschulden, um zu spekulieren.

Was unterscheidet etwa Bitstamp von Mt. Gox?
Bitstamp kommt aus Slowenien. Die Server stehen in Europa und nicht wie bei Mt. Gox in Japan – also am anderen Ende der Welt. So weit bekannt ist, besitzen die Betreiber von Bitstamp alle nötigen Lizenzen. Es bestehen also keine regulatorischen Probleme. Hinzu kommt die Kommunikation: MtGox war ein latentes Problem für die Branche, Probleme wurden nicht kommuniziert oder nur unzureichend. Das sind die neuen Börsen wie Bitstamp, aber auch Kraken besser.

Der Betreiber von Bitstamp bemühte sich gestern in einer Stellungnahme gemeinsam mit anderen internationalen Bitcoin-Grösse um Schadensbegrenzung. Wie vertrauenswürdig ist dieser Aufruf?
Die neuen Börsen wie Bitstamp arbeiten professioneller. Kraken scheint ebenfalls gut aufgebaut zu sein, dort ist das gehandelte Volumen aber noch vergleichsweise klein. Festzuhalten ist, dass Mt. Gox für die gesamte Branche ein latentes Problem war. Nun gibt es ein Ende mit Schrecken – das ist besser als ein Schrecken ohne Ende. Wie Mt. Gox gehört der Handelsplatz BTC-E zu einer älteren Börsen-Generation. Über die Betreiber gibt es nur wenige Informationen. Hier wäre ich ebenfalls vorsichtig.

Nicht erst seit gestern fällt auf, dass die Bitcoin-Kurse an den internationalen Börsen zum gleichen Zeitpunkt teilweise stark von voneinander abweichen. Das spricht für einen sehr fragmentierten Markt und öffnet Arbitrage förmlich Tür und Tor. Wie sehr belastet das den Bitcoin?
Der Hauptunterschied in den Kursen lag bislang zwischen Mt. Gox und fast allen anderen Börsen. Daneben sind auch bei der chinesischen Börse BTC China öfters kleinere Unterschiede auszumachen. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Die Anleger in China sind oft ein wichtiger Treiber für die Preise. Damit sind Preisunterschiede auch ein Indikator für die geografische Nachfrage nach Bitcoins rund um den Globus. Langfristig sinkt aber die Volatilität.

Im vergangenen Jahr stieg der Wert eines Bitcoins um das Hundertfache. Zwischenzeitlich halbierte sich der Kurs fast. Wie sinkt da die Volatilität?
2011 zum Beispiel waren die Ausschläge noch grösser: Der Kurs legte in kürzester Zeit von 10 Cent auf 30 Dollar zu – also um den Faktor 300. Der Anstieg 2013 um den Faktor 100 ist natürlich noch immer wahnsinnig. Aber der Wahnsinn nimmt in seiner Dimension ab.

Wo sehen Sie nun die grösste Herausforderung?
Es braucht Zeit, bis die letzten technischen Schwachstelle ausgebügelt sind. Bitcoin kann die Welt nicht von heute auf morgen umkrempeln. Anwendungen müssen wachsen und entstehen. Es braucht ein gesundes, organisch wachsendes Bitcoin-Ökosystem. Idealerweise fliessen die Bitcoins dann im Kreis, ohne je in herkömmliche Währungen zurückgewechselt zu werden. Ein Webservice, den man mit Bitcoins bezahlt, könnte zum Beispiel Hostingkosten und Gehälter auch wieder in Bitcoins begleichen, und die Angestellten wiederum mit Bitcoins einkaufen.

Die Ausbreitung von Bitcoins nahm bis zuletzt zu, gleichzeitig sind die Münzen in ihrer Anzahl aber begrenzt. Es ist schwer vorstellbar, dass der Bitcoin jemals etwas anderes sein wird als ein Spekulationsobjekt.
Das Eine schliesst das Andere nicht aus: Bitcoins können sowohl als Anlage als auch als Zahlungsmittel dienen. Neben meinen als Anlage gedachten Bitcoins habe ich auch ein paar auf meinem Handy, um damit zum Beispiel online Pizza zu bestellen.

Meine Pizza werde ich aber auch immer in Franken bezahlen können. Wenn ich damit rechne, dass meine Bitcoins an Wert gewinnen, behalte ich sie doch lieber. Mit anderen Worten: Das Deflationsproblem scheint gross.
Der Bitcoin ist deflationär – einfach weil es keine Zentralbank gibt, die neue Bitcoins herstellt. Ökonomisch gesehen dämpft dies das Wirtschaftswachstum im Vergleich zu einer Währung mit einer kompetenten Zentralbank. Das ist aber keine Katastrophe, wie manche Kritiker behaupten, sondern ein Luxusproblem. Die Bitcoin-Wirtschaft hat letztes Jahr um ein Vielfaches zugelegt – dass es keine Nationalbank gibt, die mit geeigneter Geldpolitik noch ein paar Prozent mehr Wachstum rauskitzelt, fällt da nicht ins Gewicht.

Angenommen der Bitcoin setzt sich durch. Irgendwann wäre das Volumen so gross, dass sich das Wachstum ähnlich wie heute in der realen Wirtschaft im Bereich von Zehntel Prozentpunkten abspielt. Dann würde Deflation also wieder zum Thema?
Das ist richtig. Davon sind wir jedoch noch weit entfernt: Erst wenn Staaten erwägen sollten, Bitcoins als nationale Währungen einzuführen, gewänne dieses Problem an Relevanz.

Wäre es also nicht besser, wenn Bitcoin in Zukunft nur als Alternative zum normalen Geldsystem bestehen bleibt und das aktuelle System nicht ablöst?
Genauso wie das Internet nicht das Papier überflüssig gemacht hat, wird Bitcoin auch die bestehenden Währungen nicht überflüssig machen. Bitcoin ist primär eine Internetwährung. Bargeld und Kreditkarten in bestehenden Währungen haben weiterhin ihre Daseinsberechtigung.

In Zürich wurde erstmal der erste Bitcoin-Automat der Schweiz aufgestellt. Der ist inzwischen wieder verschwunden. Warum?
Das Projekt war von Anfang an befristet, weil der Automat nur ausgeliehen war. Der Betreiber, Dorian Credé von der World Bitcoin Association, aufgestellt. Er hat nun einen eigenen bestellt. Sobald der ankommt, wird in Zürich wohl wieder einer zur Verfügung stehen. In Genf steht seit Kurzem bereits einer.

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