Mitten in der Euro-Schuldenkrise hat die Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) Frankreich am Donnerstagabend versehentlich die Top-Bonität aberkannt - und damit das zweitgrösste Euro-Land geschockt.

Die Agentur klärte den Fehler erst Stunden nach dem Vorfall auf: Eine entsprechende E-Mail sei an einige Abonnenten der S&P-Internetseite versendet worden. Standard & Poor's sprach von einem «technischen Fehler». Man wolle die genaue Fehlerquelle untersuchen.

Der französische Finanzminister François Baroin forderte in einer am späten Abend in Paris verbreiteten Erklärung die Aufsichtsbehörde für die europäischen Finanzmärkte zu einer Untersuchung auf. Bereits tätig geworden ist die französische Finanzmarktaufsicht: Sie nahm Ermittlungen auf.

Strengere Regeln gefordert

Der Vorfall sorgte innerhalb der EU für harsche Kritik an den Ratingagenturen. Am Freitag stimmte der deutsche Bundestag einem Antrag zu, wonach sich die Regierung in der EU für eine zivilrechtliche Haftung der Bonitätsprüfer und einen stärkeren Wettbewerb in der Branche einsetzen soll.

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Die deutsche Regierungskoalition bestehend aus CDU/CSU und FDP fühlte sich vom groben Schnitzer von S&P bestätigt. «In der letzten Nacht haben wir einen Skandal erlebt», erklärte der finanzpolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Klaus-Peter Flosbach. Deswegen brauche es nun «eine deutliche Haftung bei grob fahrlässigem Verhalten und bei Vorsatz».

Der Opposition gehen die Pläne nicht weit genug. Der frühere Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) bezeichnete den Antrag als harm- und zahnlos.

Unabhängig vom Beschluss des deutschen Parlaments will auch die EU-Kommission strengere Regeln für Ratingagenturen einführen. Der EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier wird kommenden Dienstag einen entsprechenden Vorschlag vorlegen, wie ein Sprecher der Brüsseler Behörde am Freitag erklärte.

Ins Visier nehmen will die Kommission vor allem die starke Abhängigkeit der Finanzmarktteilnehmer von Ratings sowie Interessenkonflikte, die sich durch die Vergütung für Ratingagenturen ergeben.

Irrtum zur ungünstigsten Zeit

Die Panne bei S&P hätte kaum zu einem ungünstigeren Zeitpunkt passieren können: Bereits vorher waren die Risikoaufschläge französischer Staatsanleihen zu den als extrem sicher geltenden deutschen Staatsanleihen auf Rekordhöhe gestiegen - mittlerweile liegen sie bei knapp 1,6 Prozent. In diesem hochnervösen Umfeld verschickte die Agentur dann am Abend ihre E-Mail.

Am Freitag beruhigte sich die Lage am französischem Anleihemarkt nur leicht. Tags zuvor hatte die Rendite für zehnjährige französische Staatstitel einen Sprung um rund 0,3 Prozentpunkte hingelegt, der laut Händlern zumindest teilweise auf die Panne bei S&P zurückzuführen war.

Die Rendite des französischen Zehn-Jahres-Papiers lag am Freitagmittag bei 3,4 Prozent und damit nur leicht unter dem Höchststand vom Donnerstag.

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Entspannung bei Italien und Griechenland

Derweil hat sich die Lage für italienische und griechische Staatsanleihen zum Wochenausklang entspannt. Nachdem die Risikoaufschläge für italienische Staatstitel bereits am Donnerstag merklich gesunken waren, gingen sie auch am Freitag spürbar zurück. Deutlich geringere Risikoaufschläge muss Griechenland zahlen, nachdem dort der Weg für eine Übergangsregierung frei wurde.

In Italien sank die Rendite der richtungsweisenden zehnjährigen Anleihe im Vormittagshandel auf rund 6,7 Prozent. Am Mittwoch war die Rendite auf einen Rekordstand von 7,5 Prozent gesprungen.

In der Nähe dieses Renditeniveaus, das unter Experten über längere Zeit als nicht tragfähig gilt, hatten die Euro-Länder Griechenland, Irland und Portugal mit Finanzhilfen gerettet werden müssen.

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Der frühere Präsident der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD), Jacques Attali, hatte Paris in einem Gespräch mit dem französischen Wirtschaftsblatt «La Tribune» bereits ein schlechtes Zeugnis ausgestellt: «Machen wir uns nichts vor: auf den Finanzmärkten haben die (französischen) Schulden schon kein AAA mehr.»

(vst/laf/sda)