1. Home
  2. Konjunktur
  3. Negativzins belastet Schweiz mehr als Frankenstärke

Studie
Negativzins belastet Schweiz mehr als Frankenstärke

Flash-Mob am Paradeplatz Zürich: Das Niedrigzinsumfeld hat Nebenwirkungen. Keystone

Mit Negativzinsen schwächt die SNB den Franken. Doch die Medizin hat bittere Nebenwirkungen: höhere Arbeitslosigkeit, drohende Rezession. Die Folgen wiegen laut UBS schwerer als die Frankenaufwertung.

Von Dominic Benz
am 06.03.2015

Seit dem Mindestkurs-Ende Mitte Januar steht die Schweizer Wirtschaft Kopf. Doch nicht nur der erstarkte Franken macht den Eidgenossen zu schaffen. Auch die Negativzinsen wiegen schwer. Die Schweizerische Nationalbank (SNB) senkte den Zinssatz für Bankguthaben auf minus 0,75 Prozent. Die Grossbank UBS sieht daher die Zukunft düster. «Die Folgen des Negativzinsumfelds können langfristig und gesamtwirtschaftlich mindestens so schwer wiegen oder sogar noch gravierender ausfallen als beim Mindestkurs-Ende», sagt Lukas Gähwiler, Chef der UBS Schweiz.

Laut einer aktuellen Studie der UBS werden die Zinsen auf längere Zeit im negativen Territorium verharren. Das führe zu verzerrten Anreizen unter den Anlegern und Sparern. Aufgrund der tiefen Zinsen investieren sie nun in risikoreichere Anlagen wie Aktien. «Das könnte zur Blasenbildung führen», sagt Gähwiler. Ein Blick auf die Schweizer Börse soll dies bestätigen. Der Aktienindex SMI habe sich seit dem Kursabsturz nach dem Mindestkurs-Ende rasch wieder erholt. «Die Suche nach Rendite ist gross.»

Höhere Arbeitslosigkeit

Das Tiefzinsumfeld könne zudem erhelbliche Auswirkungen auf die Strukturen der Wirtschaft haben, so die UBS-Studie. Probleme gäbe es etwa bei einer Verschiebung des Lohn-Zins-Verhältnisses. Unternehmen würden sich günstig verschulden, während die Löhne durch die Frankenstärke stiegen. Das Kapital werde dabei also im Verhältnis zu Arbeit billiger. Das biete den Anreiz, mit mehr Kapital und weniger Arbeitskräften zu produzieren. Die Folge sei höhere Arbeitslosigkeit. Insgesamt verliere der Standort Schweiz an Attraktivität.

Nicht zuletzt gehörten die Sparer im Tiefzinsumfeld zu den Verlierern. «Die Sparer werden enteignet», so Lukas Gähwiler. Auf der anderen Seite wird das Aufnehmen von Schulden belohnt.

Pensionskassen unter Druck

Auch das Vorsorgesystem wird stark belastet. Die Unterdeckung der Pensionskassen wird wegen tiefer Renditen und mangelnder Anlage-Alternativen zu festverzinslichen Papieren immer grösser. In der AHV bestehen laut UBS derzeit ungedeckte künftige Leistungsversprechen von 1'060 Milliarden Franken. Dem gegenüber stehe eine Vermögensreserve von 40 Milliarden Franken. Je tiefer die Vermögensreserve verzinst werde, desto schwerer wiege die Finanzierungslücke.

Die UBS kommt dabei zum Schluss: Im Tiefzinsumfeld mit schwachen Aktienmärkten könnten die Reserven schon 2024 aufgebraucht sein. Bei hohen Zinsen und steigenden Börsen könnte sie hingegen bis 2028 reichen. Um die Finanzierung zu stemmen, müssten die Pensionskassen auf Basis von Gesetzesänderungen die Beiträge der Erwerbstätigen erhöhen. Dies würde die Umverteilung zwischen Arbeitenden und Rentnern weiter verschärfen. «Unser Vorsorgesystem kann das Tiefzinsumfeld nicht adaptieren», sagt Daniel Kalt, Chefökonom der UBS. Daher sei eine Reform des Vorsorgesystems erforderlich.

Banken verdienen weniger

Risiken bestehen auch für die Banken. Durch die Negativzinsen für Bankeinlagen dürften sich laut UBS die Kosten für die Institute auf bis zu eine Milliarde Franken pro Jahr belaufen. Noch schwerer würden die indirekten Kosten wiegen. Die Zinsmarge der Banken schwinde, wodurch sich die Profitabilität verringere. Besonders gefährdet sind Kantonal- und Regionalbanken, Sparkassen und die Raiffeisen. Sie erwirtschaften über 60 Prozent ihrer gesamten Einnahmen über Zinserträge. Besser stehen die Grossbanken da. Ihre Zinserträge liegen bei rund 25 Prozent.

Zudem erhöhen die tiefen Zinsen die Risiken für hohe Verluste bei einem sprunghaften Zinsanstieg. Diese könnten ähnlich wie beim Zinsschock Ende der 80er-Jahre über 30 Milliarden Franken betragen.

Nicht nur negative Folgen

Trotz allem: Die Negativzinsen haben nicht nur negative Folgen. Die Massnahme hat die SNB getroffen, um den Franken zu schwächen. Tatsächlich hat er sich gegenüber dem Euro bereits wieder deutlich abgewertet. Am Freitag lag der Euro bei knapp 1,07 Franken. «Vielleicht ist ein Teil dieser Abschwächung bereits eine Wirkung dieser Negativzinsen

Es sei wichtig, dass man den Negativzinsen nicht nur negative Konsequenzen beimesse, so Kalt. Die Massnahme habe durchaus einen Sinn, sonst hätte die SNB sie nicht eingeführt. Mit der Studie wolle die UBS aber aufzeichnen, dass die Negativzinsen in vielen Bereichen der Wirtschaft leider auch Nebenwirkungen hätten. «Diese können langfristig erheblich sein.»

Drei Szenarien

Da die künftige Zinsentwicklung unsicher ist, prognostiziert die UBS in ihrer Studie die Wirtschaftsentwicklung aufgrund drei Szenarien. In allen Szenarien erwartet die Grossbank für das laufende Jahr ein tieferes Wachstum als in den letzten Jahren. Hinzu kommt eine negative Teuerung von minus 1 Prozent und einen Anstieg der Arbeitslosigkeit.

Das Wirtschaftswachstum dürfte sich gemäss des Basis- und Aufwärtsszenarios mit anziehenden Zinsen ab 2016 wieder an Fahrt gewinnen, während sich die Inflation wieder positiv entwickelt. Die Arbeitslosigkeit soll sich dann bei knapp 4 Prozent stabilisieren. Im Abwärtsszenario – als bei weiter sinkenden Zinsen – hingegen fällt die Schweiz in eine Rezession. Die Teuerungsrate dürfte sich bis 2018 um die Null-Marke bewegen. Zudem dürfte dann die Arbeitslosigkeit bis Mitte 2017 bei über 5 Prozent liegen.

Für die UBS wäre es daher ein «heikles Unterfangen», sollten die Währungshüter weiter die Zinsen ins Minus drücken.

 

 

 

 

 

 

 

Anzeige

Das sind die Reaktionen auf den Franken-Schock

1|76
Reaktionen auf den Franken-Schock: Ruag führt ab Oktober für 72 ihrer Mitarbeiter in Nyon Kurzarbeit ein. Im April und Juli hat der Rüstungs-und Technologiekonzern bei exportorientierten Bereichen die Arbeitszeit um drei Stunden auf 43 Stunden pro Woche erhöht. Grund war die Frankenstärke.