Das Brics-Treffen in Fortaleza war bereits das sechste jährliche Gipfeltreffen der Staatengruppe. Bislang wurde kaum nennenswertes beschlossen. Was hat die Organisation seit 2009 erreicht?
Joaquim Levy*: Die Vereinigung ist in erster Linie ein Forum zum Austausch zwischen den Ländern und zur Vertiefung von Kontakten zwischen den politischen Führern. Es ist beispielsweise zweifellos sehr nützlich für die anderen Staatsoberhäupter, dass sie den neuen indischen Premierminister Narendra Modi in diesem Rahmen kennenlernen konnten. In einer unsicheren Welt werden direkte Kanäle immer wichtiger.

Die Brics-Gruppe wirkt wie eine zahnlose Vereinigung von Ländern mit komplett verschiedenen Zielen und Bedürfnissen.
Mag sein, aber dies ist nicht einfach schwarz oder weiss. Es besteht gar kein Grund für diese Länder, einen «Block» zu bilden – wie in alten Zeiten. Die Organisation ist eine Gelegenheit zum Meinungsaustausch. Und ich denke, dass viele wichtige Fragen wie Klimawandel, Armutsbekämpfung oder die Überalterung einiger Gesellschaften fruchtbar diskutiert werden.

Gibt es weitere Vorteile für die fünf Mitgliedstaaten?
Nehmen wir zum Beispiel die Infrastruktur. Das Thema ist in fast allen Ländern, von den USA über Indonesien bis hin zu den europäischen Staaten eine grosse Herausforderung. Wenn im Bereich der Infrastruktur die Ressourcen kanalisiert werden, hilft dies dem globalen Wachstum.

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Was ist denn die Rolle von Brasilien in der Organisation?
Brasilien ist ein Partner mit wenig geopolitischen Problemen, einer breit gefächerten Bevölkerung und guten Beziehungen zu allen anderen Ländern. Zudem ist das Land eine grosse Volkswirtschaft und reich an Rohstoffen.

Wie werten Sie die Gründung einer Brics-Entwicklungsbank mit ähnlichen Instrumenten wie die internationalen Organisationen Weltbank und Internationaler Währungsfonds?
Solche regionalen Strukturen existieren überall. So spielt beispielsweise die Europäische Investitionsbank eine wichtige Rolle bei der Finanzierung der regionalen Infrastruktur. Und die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung ist enorm wichtig für die Länder in Osteuropa und Zentralasien. Auch bei der Eurokrise kamen spezielle Institutionen zum Einsatz – und unterstützten den IWF bei der Arbeit in Europa. Die positive Rolle von zusätzlichen Institutionen ist offensichtlich. Denken Sie beispielsweise auch an die Devisen-Tausch-Vereinbarungen (Swaps) der Zentralbanken, die adhoc für die Krise in Europa ins Leben gerufen wurden.

Was kann die Brics-Bank leisten, das nicht bereits von der Weltbank oder dem IWF übernommen werden kann?
Zuerst muss man sehen, dass die Weltbank für die Brics-Staaten nicht mehr der grosse Kreditgeber ist. Für Brasilien etwa haben die Weltbank und auch der IWF inzwischen eher eine beratende Funktion. Neue Institutionen können dabei helfen, die Weltbank weiter zu entlasten. Diese hatte in den vergangenen Jahren ja immer wieder Finanzierungsprobleme. Durch Einrichtungen wie die Brics-Bank kann sich die Weltbank künftig wieder stärker auf die armen Länder konzentrieren. Dies ist wichtig, auch weil viele Länder Europas ihre Entwicklungshilfe reduzieren.

Schwellenländer werden immer wichtiger in der Weltwirtschaft. Könnte dies auch negative Konsequenzen für die Schweiz haben?
Ich glaube nicht. Die Schwellenländer sind für die Schweizer Exportwirtschaft keine Konkurrenz, sondern eine Ergänzung.

Und wie sieht es mit dem Thema Steuern aus? Werden Länder wie Brasilien künftig nicht auch global gegen Steuerflucht vorgehen?
Für Brasilien ist Steuerflucht noch kein grosses Thema, unter anderem auch weil wir noch nicht viele multinationale Konzerne haben. Zudem werden Unternehmen in Brasilien aufgrund ihrer globalen Einnahmen besteuert, es kommt also nicht darauf an, wo sie die Gewinne machen. Trotzdem haben wir auch hier den US-Steuerstreit mit Interesse verfolgt und es wird spannend zu sehen, ob die europäischen Länder dem amerikanischen Beispiel folgen.

Wie sehen sie die Zukunft der Brics-Gruppe – wäre auch eine engere politische Kooperation wünschenswert?
Es ist immer gut, wenn grosse Länder oder Volkswirtschaften die Zusammenarbeit festigen. Sei es nun durch eine Bank, gemeinsame Ziele in Institutionen wie der WTO oder allgemeiner durch diplomatische Kontakte, Think Tanks und ähnliche Kanäle. Kooperationen sind positiv, weil sie die globale Stabilität fördern.

*Joaquim Levy ist CEO der Vermögensverwaltung bei der brasilianischen Grossbank Bradesco (BRAM). Der promovierte Ökonom arbeitete ab 1992 in verschiedenen Funktionen beim IWF. Nach weiteren Stationen bei der EZB und im brasilianischen Finanzministerium, war Levy von 2007 bis 2010 zuständig für die Finanzen des Bundesstaates Rio de Janeiro. 2010 wechselte er in die Privatwirtschaft.