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Finanzpanik
Neue Währungskrise? Wie die Angst wächst

Geld wechseln in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires: Der Peso büsste 15 Prozent ein. (Bild: Keystone)

Börsen und Währungen in den globalen Schwellenländern brechen ein, selbst Schweizer Anleger sind verunsichert. Der Sturm weckt böse Erinnerungen an die schwere Asien-Krise von 1997.

Von Mathias Ohanian
am 27.01.2014

Die Krise startete in Thailand, erfasste binnen weniger Wochen fast alle Länder Südostasiens, breitete sich nach Russland aus und brachte selbst in Südamerika einige Staaten ins Wanken. Die Asienkrise machte 1997 vor kaum einem Schwellenland halt. Inzwischen wächst die Angst, die aufstrebenden Ökonomien könnten heute vor ähnlichen Turbulenzen stehen wie Ende der 1990er Jahre. Selbst in der Schweiz sind Anleger verunsichert: Der Leitindex SMI fiel am Montag zwischenzeitlich auf den tiefsten Stand seit über einem Monat.

Die Warnsignale für eine neue Schwellenland-Krise nahmen jüngst dramatisch zu: Seit Donnerstag büsste der argentinische Peso zum Dollar in der Spitze 15 Prozent ein – Gift für die Konsumentenpreise, die zuletzt um 25 Prozent zum Vorjahr zulegten. Die türkische Lira fällt seit Tagen von einem Rekordtief zum nächsten, ähnlich der südafrikanische Rand. An den Börsen Ostasiens rauschten viele Leitindizes heute ebenfalls in den Keller: In Indien und Indonesien gab es Verluste von über zwei Prozent, Tokio verlor drei Prozent.

Am heutigen Montag reagierte die türkische Zentralbank: Wegen des Kursverfalls der Lira rief sie erstmals seit zweieinhalb Jahren eine Sondersitzung ein. Das Treffen solle am Dienstag stattfinden und das Ergebnis noch am Abend bekanntgegeben werden, teilte die Notenbank mit.

Parallelen zu 1997: Hohe Handelsdefizite und politische Probleme

Kein Wunder, dass Fachleute bereits Parallelen zur desaströsen Asien-Krise Ende der 1990er Jahre ziehen. Nicht nur die Ökonomen der Londonder Researchfirma Capital Economics werfen die Frage auf, ob die aufstrebenden Volkswirtschaften vor vergleichbaren Turbulenzen stehen.

Kein Zweifel: Die Vorzeichen sind mancherorts vergleichbar. Wie damals verzeichnen auch heute einige Schwellenländer wie die Türkei, Südafrika, Indonesien oder Brasilien teils enorme Leistungsbilanzdefizite – importieren also mehr Waren und Dienstleistungen als sie im Ausland absetzen. Per Saldo müssen sie sich dafür verschulden – eine Situation, die langfristig nicht stabil scheint.

Weniger Wachstum macht anfällig

Hinzu kommt, dass diese Länder inzwischen weniger wirtschaftliches Wachstum verbuchen als noch vor einigen Jahren. Das macht anfälliger für Schocks. Fährt die US-Notenbank Fed die Bondkäufe auf ihrer ab morgen anstehenden Sitzung weiter zurück, könnte das Experten zufolge vor allem in diesen Ländern für neue Verwerfungen sorgen.

Das Problem jedoch: In der Vergangenheit machten Finanzkrisen nicht vor wenigen Ländern halt. Entsprechend gefährdet sind heute auch Länder mit hohen politischen Unsicherheiten: Das gilt insbesondere für die Brennpunkte Argentinien, Venezuela oder die Ukraine.

Schwellenländer wichtig für die Weltwirtschaft

Die Turbulenzen in der aufstrebenden Welt erreichen eine globale Dimension, weil Schwellenländer enorm an Gewicht gewonnen haben: Nach der Finanzkrise 2008 zeichneten sie für etwa zwei Drittel der globalen Wirtschaftserholung verantwortlich. Entsprechend kritisch werden Wirtschaftsdaten beäugt: Als ein Mitauslöser des jüngsten Sturms gelten denn auch die schwächeren Umfrageergebnisse unter Einkäufern in China, die neue Zweifel an der konjunkturellen Grundkonstitution des Landes nährten.

Die Weltwirtschaft braucht den Schwellenland-Motor also, selbst wenn die USA und Europa konjunkturell inzwischen deutlich besser dastehen als in den vergangenen Jahren.

Fast ein Viertel der Schweizer Exporte nach Asien

Das gilt auch für die exportorientierte Schweizer Wirtschaft: 22 Prozent der Ausfuhren gehen nach Asien, seit Jahren steigt dieser Wert. Über indirekte Verflechtungen drohen bei neuen Marktpaniken weitere Probleme: Deutschland exportiert ebenfalls immer mehr Waren nach Fernost, China steigt gerade zum zweitwichtigsten Produktabnehmer für die grösste Ökonomie Europas auf. Für die Schweiz ist Deutschland der mit Abstand wichtigste Handelspartner der Welt.

Auf konjunkturelle Verwerfungen deutet bislang indes noch nichts hin. Im Gegenteil: Mit dem heute veröffentlichten Ifo-Geschäftsklima stieg im Januar das wichtigste deutsche Konjunkturbarometer. Sowohl die aktuelle Geschäftslage als auch die Aussichten auf die kommenden sechs Monate bewerteten die befragten Unternehmenslenker besser.

Keine Furcht «vor einer scharfen konjunkturellen Wende»

Harald Preissler, Chefökonom des Anleiheinvestors Bantleon in Zug, sieht ebenfalls noch keinen Grund, seinen vergleichsweise optimistischen wirtschaftlichen Ausblick zu korrigieren. So übertrieben die Zuversicht aufseiten der Investoren vor dem jüngsten Kollaps gewesen ist, so übertrieben heftig schlug das Pendel nun auf die Gegenseite aus, sagt Preissler. Und: «Nach unserer Einschätzung gibt es für eine grundlegende Neubewertung der Schwellenländerrisiken ebenso wenig einen triftigen Grund wie für die Furcht vor einer scharfen konjunkturellen Wende.»

Diese Einschätzung könnte jedoch zur Disposition stehen, sollte die panikartige Flucht der Anleger aus den Schwellenländern anhalten oder sich sogar verschärfen. Das mag bislang kaum ein Experte ausschliessen.

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