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Sesselwechsel
Neuer HWWI-Chef: «Deflationsgefahr nicht akut»

Henning Vöpel und Christian Growitsch: Die neue Doppelspitze beim HWWI. HWWI

Auf den Schweizer Topökonomen Thomas Straubhaar folgt an der HWWI-Spitze ein Doppelgespann. Einer der neuen Chefs ist Henning Vöpel, der gegenüber Handelszeitung.ch Deflationsängste beruhigt.

Von Mathias Ohanian
am 14.05.2014

Über 15 Jahre leitete der Schweizer Ökonom Thomas Straubhaar als Direktor die Geschicke des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI). Der «Auslandschweizer des Jahres» 2005 sorgte insbesondere in den vergangenen Jahren für Aufsehen. Immer wieder nahm Straubhaar seine Zunft in der Pflicht. «Wir können als Ökonomen nach der Finanzkrise nicht einfach weitermachen, als wäre nichts passiert», sagte Straubhaar im vergangenen Jahr Handelszeitung.ch. Es brauche mehr methodischen Pluralismus.

Seit heute steht fest, wer Straubhaar am HWWI beerben soll. Die Last wird auf mehrere Schultern verteilt. Ab September wird das HWWI durch eine Doppelspitze geleitet, teilte das Forschungsinstitut heute mit. Künftig teilen sich der Privatdozent Christian Growitsch sowie Henning Vöpel, der bereits seit acht Jahren als Senior Economist am HWWI tätig ist, die wissenschaftliche Leitung. Growitsch wird die Funktion des HWWI-Sprechers übernehmen.

«Lehrbücher müssen nicht neu geschrieben werden»

Doch wie steht die neue Spitze zum Paradigmenwechsel in der Ökonomik, den Straubhaar in den vergangenen Jahren vorantrieb? Im Gespräch gibt sich Vöpel zurückhaltender als Straubhaar. «Die Lehrbücher der Wirtschaftswissenschaften müssen nicht neu geschrieben werden», sagt Vöpel, der 2010 als Professor für Volkswirtschaftslehre an die HSBA Hamburg School of Business Administration berufen wurde.

Doch klar ist für ihn auch, dass einige Krisenphänomene nicht durch die Wissenschaft erklärt werden können. Schon seit einigen Jahren öffne sich die Ökonomik anderen Disziplinen wie etwa den Neurowissenschaften. «Diese Bestrebungen sind wichtig – bislang haben sie es aber noch nicht in die Lehrbücher geschafft.»

Deflationsgefahr in der Euro-Zone «nicht sehr akut»

Vöpel ist bereits heute verantwortlich für den Bereich Geldpolitik und Konjunktur in der Euro-Zone. Der Fachmann sieht die Deflationsgefahr im Währungsraum aktuell «nicht sehr akut», wie er heute gegenüber Handelszeitung.ch sagte. «Die Jahresrate dürfte in den kommenden Monaten schon bald wieder auf rund 1,5 Prozent steigen – und damit in die Nähe des Zielwerts der EZB.»

Entsprechend ist er kein Unterstützer der kolportierten Massnahmen, welche die EZB im Juni womöglich verabschieden wird. Im Gespräch sind spätestens seit heute negative Einlagezinsen für Banken, wenn sie ihr Geld bei der Notenbank kurzfristig hinterlegen wollen. Das soll die Darlehensvergabe in Europa ankurbeln und den Euro schwächen, der in der vergangenen Woche zwischenzeitlich auf fast 1,40 Dollar stieg.

«Negative Einlagezinsen müssten aber den Befund voraussetzen, dass wir in Europa eine Kreditklemme haben.» Das sieht der neue HWWI-Chef jedoch nicht – vor allem nicht in Deutschland. Er glaubt nicht, dass Notenbanker die Krise in Europa endgültig lösen können: «Die Geldpolitik kann den europäischen Südländern nicht die Reformen abnehmen.»

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