In knapp drei Jahren müssen Schiffe ihren Schwefelausstoss massiv reduzieren. Dies ist eine gute Nachricht für die Umwelt und die Menschen in Küstengebieten. Doch die Kosten dafür sind gewaltig. Experten schätzen sie auf bis zu 60 Milliarden Dollar. Die Folgen reichen weit über die Schifffahrtsindustrie hinaus und können Konsumenten weltweit betreffen.

Es ist so: Der Welthandel läuft über das Meer. Etwa 90 Prozent der Stückgüter werden mit Containerschiffen befördert. Die Giganten der Ozeane sind ein entscheidender Motor der Globalisierung – dennoch befinden sich viele Reedereien schon heute in einer schwierigen Situation.

Schlecht für Menschen, Tiere und Pflanzen

Die Betreiber kämpfen mit niedrigen Margen und gegen Vorwürfe der Umweltverschmutzung. Und genau hier will die Internationale Seeschifffahrts-Organisation (IMO) ansetzen. Ab 2020 gilt eine neue Regel zu den Emissionen. Statt 3,5 Prozent ist künftig noch ein Schwefelanteil von 0,5 Prozent im Treibstoff erlaubt. Heute liegt er im Mittel bei 2 bis 3 Prozent.

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Die Abgase der Schiffsdieselmotoren enthalten heute viel Schwefeldioxid. Das giftige Gas ist der Grund für sogenannten sauren Regen und schädigt in hohen Konzentrationen Menschen, Tiere und Pflanzen. Laut IMO soll die neue Vorschrift vor allem den Bewohnern von Hafenstädten und entlang der Küsten grosse gesundheitliche Vorteile bringen.

Herkulesaufgabe für Reedereien

Doch die Umstellung ist teuer. Das Massachusetts Institute of Technology (MIT) schätzt, dass alleine die Anpassung der Raffinerien bis 2020 Investitionen von 35 Milliarden Dollar benötigt. Diese Kosten werden weder die Treibstoffhersteller noch die Reedereien alleine stemmen können. Auch die mit Schiffen transportierten Waren dürften in den Läden künftig mehr kosten.

Für die Reedereien wird die Erfüllung der Vorschrift zur Herkulesaufgabe. Die Mediterranean Shipping Company (MSC) mit Sitz im Genf ist die zweitgrösste Containerreederei der Welt und auch im Kreuzfahrt- und Fährgeschäft tätig. Mehr als 450 Schiffe von MSC müssen bald den neuen Standard erfüllen.

Reihe verschiedener Massnahmen

«Wir stehen vollkommen hinter dem Entscheid der IMO», schreibt MSC in einem Statement gegenüber handelszeitung.ch. Dennoch sei die Umstellung eine «grosse Herausforderung». Bei der Grösse des Unternehmens gebe es keine einzelne Lösung, sondern es brauche eine Reihe verschiedener Massnahmen.

MSC werde auf alle Instrumente zurückgreifen, die zur Verfügung stehen, so die Reederei. Dazu gehören beispielsweise der Einsatz von Flüssigerdgas statt Schweröl und Schiffsdiesel oder der Einbau von Entschwefelungsanlagen in bisherige Schiffe. Doch dies alleine reiche nicht: «Forschung und Entwicklung wird beim Wandel eine entscheidende Rolle einnehmen.»

Lenkdrachen als Zugmaschinen

Neue Technologien wie Skysails – Lenkdrachen als Zugmaschinen – oder Segel-Rotoren sollen den Verbrauch von Containerschiffen künftig senken. Zwar sind diese Lösungen heute noch nicht marktreif. Doch wenn die neue Vorschrift zur erwarteten Erhöhung des Treibstoffpreises führt, könnten sie schon bald sehr attraktiv für die Reedereien werden.

Eine der grössten Herausforderungen für die Schifffahrtsindustrie ist die Produktion von ausreichenden Mengen umweltfreundlicherer Treibstoffe an den richtigen Orten. Einige Branchenvertreter erwarten ein Chaos. «Wir sprechen von 2,5 Millionen bis 4 Millionen Barrels Öl pro Tag, von denen man ein komplett anderes Produkt braucht», so Lars Robert Pedersen von der Schifffahrtsorganisation BIMCO gegenüber «Bloomberg».

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«Aussergewöhnlich schwierige Situation»

Eine genaue Prognose zu den Kosten der Umstellung könne man wegen der Unwägbarkeiten des Treibstoffmarktes noch nicht abgeben, schreibt MSC. Das Unternehmen gehe aber von «mehreren Milliarden Dollar» aus. Ähnlich tönt es bei der Konkurrenz. Alleine bei Maersk dürften die zusätzlichen Treibstoffkosten jährlich in die Milliarden gehen, sagt ein Vertreter der weltgrössten Schifffahrtsgesellschaft.

Die gesamte Industrie kann sich massive Mehrkosten eigentlich nicht leisten. Die Containerschifffahrt befinde sich in einer «aussergewöhnlich schwierigen Situation», schreibt MSC. 2016 kollabierte mit Hanjin eine der grössten Reedereien der Welt.

Konsumenten bezahlen mit

Das Problem: Die Frachtraten und damit die Margen der Betreiber sind seit der Finanzkrise ab 2007 unter massiven Druck geraten. Grund sind Überkapazitäten, welche die Reedereien durch Grösseneffekte ausgleichen wollen – und deshalb immer gigantischere Schiffe ordern, was das Problem wiederum verstärkt. Das starke Wachstum der Kapazitäten geht einher mit dem Ausbau der Hafen- und Schifffahrtsinfrastruktur.

Die neue Regel zum Schwefelausstoss könnte deshalb weitreichende Auswirkungen auf die Weltwirtschaft haben. Laut MSC betragen die Transportkosten heute unter 1 Prozent der Preise der Waren im Laden. «Einen Teil der zusätzlichen Kosten werden zwangsläufig die Konsumenten tragen müssen», schreibt MSC. An weltweiten Vorschriften für eine grünere Schifffahrt führt dennoch kein Weg vorbei.

Die grössten Häfen der Welt: