Jean Tirole von der Universität Toulouse ist der Gewinner des diesjährigen Wirtschaftsnobelpreises. Der Franzose hat untersucht, wie Monopole entstehen und wie Regulierer gegen marktmächtige Firmen vorgehen können. Von Mitte der 1980er Jahre bis heute habe Tirole dem Forschungsgebiet von Marktversagen neues Leben eingehaucht, heisst es in der Mitteilung des Nobelpreiskomitees, das den Preis in Andenken an Alfred Nobel vergibt. Er sei einer der einflussreichsten Ökonomen unserer Zeit.

Tiroles theoretische Arbeiten haben demnach einen stark praxisorientierten Wert und geben Antwort auf zentrale politische Fragen, etwa: Wie sollen Regierungen mit Übernahmen und Kartellen umgehen und wie sollen sie Monopole regulieren? Tiroles Rahmenwerk bildet die Grundlage für Politikentscheidungen in vielen Branchen, etwa in der Telekommunikation oder im Bankensystem.

Monopole sind für die Gesellschaft unbefriedigend

Ausgangspunkt der Überlegungen von Tirole ist es, dass Unternehmen mit einer marktbeherrschenden Stellung für die Gesellschaft unbefriedigende Ergebnisse erbringen können: Einmal können sie höhere Preise durchsetzen als wenn sie in Wettbewerb mit anderen Firmen stehen – dies zum Nachteil der Kunden. Zum anderen führt weniger Wettbewerb tendenziell zu weniger Innovationsleistung, sprich zu langsamerem Fortschritt und weniger Erfindungen – dies zum Nachteil aller.

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Tiroles Verdienst ist es in den Augen des Nobelkomitees, dass er die teils vorherrschende Vorstellung widerlegte, nach der einfache Prinzipien auf alle solchen Fälle anzuwenden sind, wie etwa Preisobergrenzen und Kooperationsverbote für Wettbewerber. Patentgemeinschaften, bei denen sich mehrere Firmen die Rechte an einer Erfindung teilen, sind hingegen durchaus für die gesamte Gesellschaft sinnvoll. Die besten Regulierung oder Wettbewerbspolitik ist es laut Tirole, die jeweils speziellen Umstände einer Industrie zu berücksichtigen.

Telefoninterview mit Preisträger Tirole

Für den 61-Jährigen kam der Nobelpreis offenbar überraschend: Er habe sich nach dem Anruf des Nobelpreiskomitees eine halbe Stunde erholen müssen, sagte er im Telefoninterview (siehe unten) mit einem Vertreter des Nobelpreiskomitees. Als er seine 90-jährige Mutter informierte, bat er sie zunächst, sich zu setzen.

Tirole dankte unter anderem seinem vor zehn Jahren verstorbenen Kollegen Jean-Jaques Laffont, den er als «Mentor» bezeichnete und mit dem er zusammen diverse Aufsätze und Bücher veröffentlichte.

Tirole gehört nun dem exklusiven Kreis der Wirtschaftsnobelpreisträger an, dem im vergangenen Jahr auch die renommierten Wissenschaftler Eugene Fama und Robert Shiller für ihre Arbeiten über das Auf und Ab an den Finanzmärkten beitraten. Der dritte Geehrte 2013 war Lars Peter Hansen, der das statistische Rüstzeug für die Forschung in diesem Bereich lieferte.

Tirole als Franzose eine seltene Ausnahme

Der Franzose Tirole ist schon deshalb eine seltene Ausnahme, weil in den vergangenen Jahren fast ausschliesslich US-amerikanische Wissenschaftler mit dem Nobelpreis geehrt wurden. Seit 1969 kamen rund 85 Prozent der Gewinner aus den USA. Laut Nobelpreiskomitee ging der Preis bislang erst zwei Mal an einen Franzosen – 1988 an Maurice Allais und 1983 an Gérard Debreu. Vor sechs Jahren wurde mit der im Sommer 2012 verstorbenen Elinor Ostrom die bislang einzige Frau mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.

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Verbindungen in die Schweiz

Tirole hat dabei enge Verbindung in die USA: Bevor er nach Toulouse wechselte, unterrichtete der Franzose am renommierten MIT in Boston, wo er 1981 bereits promoviert hatte. Bekanntheit erlangte er unter anderem mit dem 1999 erschienenen Lehrbuch «Industrieökonomik». Tirole besitzt mehrere Ehrendoktor-Titel: 2013 wurde ihm beispielsweise der Ehrendoktor der Universität Lausanne verliehen.

Ökonomie mit viel Mathe und etwas Ingenieurwesen

Tiroles Auszeichnung sorgte auch bei Kollegen, die im Vorfeld selbst als heisse Kandidaten für den Preis gehandelt wurden, für Wohlwollen. «Ich bin so glücklich: Jean war mein Ratgeber und ist mein Vorbild und enger Freund», sagte der Franzose Philippe Aghion zu handelszeitung.ch. Viele Beobachter hatten den 58-jährigen Harvard-Professor wegen seiner Errungenschaften im Bereich der Wachstumstheorie vorne gesehen.

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Tirole stehe in der Tradition der französischen Theoretiker um Cournot (im Jahr 1838) und Jules Dupuit in den 1840er Jahren, schrieb der US-Ökonom Tyler Cowen von der George Mason Universität. Für einige Beobachter wäre der Professor selbst die richtige Wahl gewesen.

Cowen zufolge stehen Cournot, Dupuit und Tirole für eine Ökonomie mit viel Mathematik und «vielleicht etwas Ingenieurwesen». Tirole sei eine exzellente und sehr überlegte Wahl, darüber hinaus ein hervorragender Lehrer und sympathischer Mensch.

Audio-Interview mit Jean Tirole nach Bekanntgabe des Nobelpreises an ihn:

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