Jean Tiroles Forschungsarbeiten zum Zusammenspiel zwischen Marktkräften und Regulierung haben in der Ökonomie Massstäbe gesetzt. Wo sieht man Tirole im Alltag?
Thomas Straubhaar*: Jean Tiroles Lehrbuch «Industrieökonomik» ist ein Standardwerk, das ich selber an der Universität verwende. Er hat sehr viel zur Privatisierung von grossen Netzen geforscht. Für Europa und auch die Schweiz waren seine Ergebnisse wegweisend, als es um die Deregulierung von Post, Bahn, Telekommunikation, Energie oder Fluggesellschaften ging. Da haben Tiroles Beiträge auch praktische Relevanz.

Welche Lehren kann man aus Tirole ziehen, etwa für die Zukunft der SBB?
Die Eisenbahn stellt ein natürliches Monopol dar. Das heisst: Es wäre ökonomisch absolut unsinnig, neben dem bestehenden Schienennetz noch ein zweites zu legen. Das doppelte Netz hätte doppelte Kosten, aber nicht doppelte Erträge zur Folge. Beispielsweise wären die Investitionskosten für eine zweite Alpentransversale enorm hoch und allenfalls zu rechtfertigen, wenn die bestehende Verbindung rund um die Uhr voll ausgelastet wäre.

Was aber nicht der Fall ist. Was bedeutet das für die Behörden?
Wenn es nur ein einziges Angebot – das der SBB – gibt, stehen die Schweizer Regulierer vor der sehr schwer zu klärenden Fage, was der richtige Preis für einen Huckepack-Transport von Chiasso nach Basel ist. Gäbe es einen Konkurrenten, würden beide Wettbewerber, die SBB und der Konkurent mit attraktiven Angeboten locken, um Kunden zu gewinnen.

Der Preiswettbewerb wäre von Vorteil für den Kunden.
Der dadurch entstehende Preiswettbewerb würde dafür sorgen, dass die Preise einigermaßen den Kosten entsprechen – billiger geht es dann für die Nutzer der Alpentransversalen nicht. Da es diesen Konkurrenten nun aber nicht gibt, weiss das Bundesamt für Verkehr nicht, ob die SBB nicht zu grosszügig kalkuliert hat und heimlich eine Rente abschöpfen will.

Hat die SBB einen Anreiz, die Kosten sehr hoch zu kalkulieren?
An sich hat ein Monopolist den Anreiz möglichst hohe Kosten auszuweisen – und damit hohe Preise zu rechtfertigen. Hier kommt nun Tirole ins Spiel. Er hat einen Mechanismus entwickelt, der zeigt, wie die privaten Monopolisten einen Anreiz geben können, die wahren Kosten aufzudecken.

Wie lautet Tiroles Botschaft?
Der private Monopolist muss freiwillig und aus eigenem Antrieb seine wahren Kosten ausweisen. Das geht über Vereinbarungen, die die wahren Aussagen des Monopolisten belohnen und falsche bestrafen. Das ist ein wenig wie mit der Erziehung von Kindern. Eltern versuchten einen Anreiz zu geben, ehrlich zu sein. Und wer ehrlich ist, bekommt über die Jahre mehr Freiheiten zugesagt. Wer unehrlich ist, wird stärker unter die Lupe genommen. Vergleichbar damit hat Tirole Anreize für Monopolisten – unter anderem auch Google und Microsoft – entwickelt, damit diese ihre Stellung nicht ausnutzen.

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Tirole ist Franzose und durchbricht die jahrelange Phalanx der US-Wissenschaftler beim Nobelpreis. Warum haben Europäer in Stockholm kaum etwas zu melden?
Jean Tirole ist noch immer mit dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston verbunden, wo er auch promoviert hat. Er hat also enge Beziehungen zur USA. Die Spitzenforschung ist noch immer in den USA angesiedelt, wo sich grosse Forschungs-Cluster gebildet haben. Wissenschaftler, die dazu gehören, profitieren von diesen Netzwerken und der Kommunikation mit herausragenden Kollegen. Negativ daran ist jedoch, dass diese Cluster einen Mainstream festigen, oft verbunden mit einer ähnlichen Grundideologie. Outsider haben kaum Chancen, mithalten zu können.

Hat sich der ökonomische Mainstream seit der Finanzkrise gewandelt?
Ich bin glücklich mit der Wahl von Tirole. Das ist ein doppelt positives Signal: Tirole ist einerseits fest in Europa verwurzelt. Andererseits bedarf es nun Ökonomen, die weniger mit der neoklassischen Schule argumentieren, sondern ausserhalb der traditionellen Ökonomie liegen, praxisorientiert und interdisziplinär arbeiten. Gerade das tat Tirole zuletzt: Er beschäftigte sich mit psychologischen Verhaltensansätzen, mit Fragen wie: Was treibt einen Monopolisten? Wie ticken sie?

Weniger noch als Europäer gewannen bis heute Frauen den Nobelpreis. Die 2012 verstorbene Amerikanerin Elinor Ostrom war 2008 die einzige. Sehen Sie eine Frau, die in naher Zukunft den Nobelpreis gewinnen könnte?
Da bin ich ebenfalls sprachlos. Ich verstehe nicht, warum wir nicht viel mehr Frauen in der ökonomischen Spitzenforschung haben. Denn der Beruf ist per Definition weder örtlich noch zeitlich an eine spezielle Lebensweise gebunden. Es gibt kaum einen Beruf, bei dem so flexibel gearbeitet werden kann. Wir sind uns noch gar nicht bewusst, welches Wissen wir verschwenden, wenn wir Frauen nicht fördern.

Doch wie fördern – mittels Quote? 
Eine Quote funktioniert nicht. Das wäre in der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung ausgeschlossen und auch peinlich. Aber Think Tanks und Institute wären gut beraten, Frauen viel stärker zu fördern.

Sie haben lange das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut geführt. Wie sind Sie das Problem angegangen?
Am HWWI gab es keine Anwesenheitsliste, schliesslich auch keine Zeiterfassung mehr. Was zählte, waren Einhaltung der Deadline und Qualität. Es gab bei uns genügend Frauen, die gezeigt haben, wie gut Beruf und Familie vereinbar sind. Und ohne Frauen wäre das HWWI heute nicht dort, wo es steht.

* Der Berner Ökonom Thomas Straubhaar leitete von 2005 bis Ende August diesen Jahres das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut. Derzeit forscht er an der Transatlantic Academy in Washington und kehrt in diesen Wochen nach Hamburg zurück, wo er eine Professur an der Universität Hamburg innehat. Straubhaar wurde 2005 als «Auslandsschweizer des Jahres» ausgezeichnet.