Die Währungshüter der Welt kommen aus dem Krisenmodus nicht heraus. Selbst die mächtige US-Notenbank Fed kann den Niedrigzinsen kaum ein Ende bereiten. Beim legendären Branchentreff in Jackson Hole könnte Fed-Chefin Janet Yellen für die Zinswende werben – doch die Erfolgsaussichten sind klein.

Am Donnerstag reisen Währungshüter aus der ganzen Welt zum legendären Treffen im amerikanischen Jackson Hole mitten in der Wildnis der Rocky Mountains, so auch Fed-Chefin Janet Yellen. Die Schweizerische Nationalbank (SNB) ist mit Vizepräsident Fritz Zurbrügg vertreten. In Jackson Hole könnten die Weichen für die globale Geldpolitik gestellt werden. Doch die Notenbanker haben verschiedene Auffassungen über den künftigen Kurs der Geldpolitik.

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Zinswende bisher auf Eis

Auf der einen Seite steht die mächtigste Notenbank der Welt. Die US-Zentralbank Fed hat im Dezember als einzige führende Notenbank erstmals seit der Finanzkrise die Zinsen angehoben, ein kleines Stück von der Nulllinie. Immerhin.

Seither lag die sogenannte Zinswende zwar auf Eis. Aber kurz vor dem Treffen in Jackson Hole lösten Äusserungen von Fed-Vizechef Stanley Fischer Spekulationen auf eine baldige Fortsetzung aus. «Wir haben unsere Ziele fast erreicht», sagte Fischer. Die amerikanische Wirtschaft werde an Fahrt aufnehmen. Auch die Schweiz hofft auf eine Anhebung der Zinsen. Höhere Zinsen könnten den Dollar aufwerten und somit das Problem der Frankenstärke entschärfen helfen.

EZB fährt anderen Kurs

Auf der anderen Seite stehen alle anderen grossen Notenbanken. Zinswende der Fed hin oder her: Die Europäische Zentralbank (EZB) und die japanische Notenbank haben ihre Geldpolitik immer weiter gelockert. Sie haben sogar Negativzinsen eingeführt, fluten die Märkte mittels milliardenschweren Anleihekäufen mit Geld und wollen im Zweifel noch nachlegen.

Sogar über die Einführung von «Helikoptergeld» wird spekuliert, also über direkte Geldgeschenke der Notenbanken an Bürger oder den Staat. Seit dem Brexit-Votum ist die Bank of England auf Lockerungskurs, in Australien und Neuseeland sieht es nicht anders aus.

Fed fürchtet zu starken Dollar

Aus Sicht der Fed ist das ein Problem, denn im Alleingang kommt sie mit ihrer Abkehr vom Krisenmodus nicht voran. In einer globalisierten Welt hängen die Währungshüter voneinander ab. Eine Zinssenkung in der Eurozone beispielsweise schwächt den Euro und stärkt den Dollar.

Ein zu starker Dollar aber ist schlecht für die US-Exportindustrie, da amerikanische Produkte auf den Weltmärkten teurer werden. So gilt er als Hindernis für die Fed, die Zinsen anzuheben. Denn dadurch würde sie den Dollar noch weiter stärken.

Ein Gedankenaustausch

Umso wichtiger sind für die Notenbanker Gelegenheiten zum Austausch wie in Jackson Hole. Möglich ist, dass Fed-Chefin Yellen mit klaren Worten die Notwendigkeit einer baldigen Abkehr von den Niedrigzinsen betonen wird.

Aber die meisten Experten rechnen eher damit, dass man dem Trend der lockeren Geldpolitik weiter folgen wird. Die Niedrigzinsen könnten gar auf lange Zeit festgestampft werden, sagt Peter Kinsella, Experte bei der Commerzbank. «Im Wesentlichen fragen sich die Anleger, ob bei den Zinsen «für länger niedrig» bald «für immer niedrig» heisst.»

Erfolg bleibt aus

Dabei ist die lockere Geldpolitik bislang alles andere als eine Erfolgsgeschichte. Denn die Geschäftsbanken geben das viele Geld der Zentralbanken nicht in erhofftem Umfang in Form von Krediten an Unternehmen weiter.

Es wird zu viel gespart, zu wenig investiert, die Produktivität, die Inflation und das Wirtschaftswachstum bleiben schwach. «Das Wachstum zieht zwar an, aber nicht so stark wie gewünscht», räumte etwa EZB-Ratsmitglied Benoit Coeuré kurz vor seiner Abreise nach Jackson Hole ein.

Experten warnen vor Nebeneffekten

Gleichzeitig warnen Experten vor Nebenwirkungen. Übertreibungen an den Finanzmärkten und gefährliche Blasenbildungen seien möglich. Michael Hüther, Ökonom beim Kölner Institut der deutschen Wirtschaft, hält die Negativzinsen der EZB sogar für kontraproduktiv, da sie die Banken belasten. «Dadurch, dass sie das Zinsergebnis der Banken schmälern, bremsen Negativzinsen die Kreditvergabe», so Hüther.

Holger Schmieding, Chefökonom der Berenberg Bank, rechnet damit, dass nach dem Treffen in Jackson Hole Forderungen an die Politik lauter werden dürften. Denn wenn die Geldpolitik mit ihrem Latein am Ende ist, dann könnte der Staat mit Konjunkturprogrammen versuchen, die Wirtschaft anzukurbeln.

Wachstum wird nur kurzfristig angefeuert

Aber selbst das sei keine Lösung, meint Schmieding. Denn dadurch könne man höchstens kurzfristig das Wachstum ankurbeln. Wenn es nach einigen Notenbankern wie EZB-Chef Mario Draghi geht, dann können langfristig ohnehin nur tiefgreifende Reformen die Wirtschaft stützen, etwa am Arbeitsmarkt oder im Rentensystem.

Das aber ist der langwierigste, der schwierigste und vor allem der umstrittenste Weg. Und er liegt ausserhalb des Gestaltungsspielraums der versammelten Währungshüter in Jackson Hole.

(sda/mbü/ama)