In den Zentralbanken der Welt ist es etwa ein Vierteljahrundert nach dem erstmals gesetzten Inflationsziel durch die neuseeländische Notenbank unruhig geworden um diese gängige Praxis. Das liegt vor allem daran, dass gültige Inflationsziele derzeit von nahezu allen Notenbanken verfehlt werden. Das gilt für die Fed in den USA ebenso wie für die EZB in der Eurozone, für Grossbritannien und für Japan – sie alle liegen teils sehr deutlich unter den eigenen Zielvorgaben für die angestrebte Teuerung. Unter den G7-Staaten schafft es derzeit mit Kanada gerade einmal eine Notenbank.

Als Reaktion liesse sich der Zielwert senken und so die Vorgaben leichter erreichen. Stattdessen werden angesichts der Lage jene Stimmen lauter, die im Gegenteil höhere Ziele über die international weitgehend üblichen zwei Prozent in Richtung von möglicherweise bis zu vier Prozent fordern.

Inflationsziele zu niedrig?

Bereits vor fünf Jahren wurden solche Ideen formuliert vom IWF-Ökonomen um Olivier Blanchard, und prompt gutgeheissen vom Nobelpreisträger Paul Krugman. Jetzt aber sind es die Zentralbanken und deren Umfeld selber, die offenbar die Zeit für eine Neubewertung der Inflationsziele zu kommen sehen.

Etwa der vormalige Fed-Gouverneur Ben S. Bernanke, der sich für ein Inflationsziel von mehr als zwei Prozent offen zeigte und es so ausdrückte: Es gebe «nichts magisches» an dieser Zahl. Der Chef der Fed Bank of Boston, Eric Rosengren, sagte im gleichen Monat, es könne sein, «dass die Inflationsziele zu niedrig gesetzt wurden». Sein Kollege aus San Francisco John Williams, stellte in der New York Times fest: Wenn Produktivität und Demographie auf eine Zukunft mit weniger Wachstum deuteten, so sei es legitim zu fragen, ob in einer solchen Welt ein zweiprozentigen Inflationsziel ausreichend hoch sei.

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Wachstum durch Inflation

Den Hintergrund des Ansinnens erklärte Chefökonom Jeremy Lawson von Standard Life Investments so: Eine Anhebung würde die derzeitigen Inflationserwartungen anschieben, die so genannten Realzinsen damit senken und das wiederum würde dem Wirtschaftswachstum einen weiteren Schub geben. Mehr Inflation würde zudem die Schuldenlasten erleichtern und dem Arbeitsmarkt nützen. Derzeit seien Lohnkürzungen in konjunkturellen Abwärtsphasen kaum zu vollziehen, daher würden eher Stellen abgebaut. Eine höhere Inflation würde hingegen die Reallöhne reduzieren und den Unternehmen letztlich eine höhere Belegschaft sichern.

Weiterer Effekt laut Tony Yates, früher bei der Bank of England: Höhere Inflationsziele liessen mehr Spielraum für langfristige Leitzinsanhebungen, was mehr Raum schaffe für die Senkung derselben in Abwärtsphasen, bevor der Nullzins erreicht sei.

(bloomberg/ise/ama)