Der Kampf der Förderländer um Marktanteile treibt den Ölpreis von einem Tief zum nächsten. Die Opec-Staaten fluten den Weltmarkt mit Öl, um Konkurrenten mit höheren Förderkosten aus dem Markt zu drängen. Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht in Sicht. Daher erwarten die Experten von Goldman Sachs, dass sich der Preis für die US-Ölsorte WTI 2016 auf 20 Dollar je Fass (159 Liter) nahezu halbiert.

«Bei einem milden Winter, einem langsameren Wachstum in den Schwellenländern und der potenziellen Aufhebung der Iran-Sanktionen könnten die Lagerbestände weiter steigen», warnen sie. Goldman-Analysten gelten als besonders kompetent, weil sie bei ihren Preis-Prognosen häufig richtig lagen und die US-Grossbank ein grosser Player im Handel mit dem «schwarzen Gold» ist.

Die Mehrheit denkt anders

Die Ölpreise haben sich am Dienstag nach ihrem heftigen Sinkflug der vergangenen Tage zunächst stabilisiert. Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent kostete am Morgen 37,77 US-Dollar. Das waren 15 Cent weniger als am Vortag. Der Preis für ein Fass der US-Sorte WTI sank ebenfalls geringfügig um neun Cent auf 36,22 Dollar. Am Montag waren der Brent-Preis mit 36,33 Dollar und der WTI-Preis mit 34,53 Dollar auf den tiefsten Stand seit sieben Jahren gefallen.

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Mitte 2014 hatten beide noch oberhalb der 100-Dollar-Marke gelegen. Mit ihrer Ölpreis-Prognose liegen die Goldman-Analysten aber weit weg von der Mehrheitsmeinung. Im Schnitt sehen die von Reuters befragte Analysten den Brent-Preis im kommenden Jahr bei 57,90 Dollar und WTI bei 52,80 Dollar.

Stefan Kreuzkamp, Chefstratege bei der Vermögensverwaltung der Deutschen Bank, begründet seine Erwartung eines anziehenden Ölpreis mit der rückläufigen Förderung von Schieferöl in den USA. Ähnlich argumentieren die Experten der Commerzbank, die gegen Jahresende 2016 einen Brent-Preis von 63 Dollar vorhersagen. Weil die Zahl der aktiven Bohrlöcher in den USA seit Oktober 2014 um zwei Drittel gesunken sei, dürfte die globale Ölproduktion im kommenden Jahr trotz eines grösseren Angebots aus dem Iran nicht mehr steigen. Weltweit wurden dem Ölindustrie-Dienstleister Baker Hughes zufolge bis November knapp die Hälfte aller Bohrungen stillgelegt.

Opec will weiter pumpen

Dieser Einschätzung widerspricht die Internationale Energieagentur (IEA). Deren Experten gehen davon aus, dass die Opec-Staaten ihre Ölförderung 2016 um 1,6 auf 31,3 Millionen Fass pro Tag steigern. Gleichzeitig werde die Fördermenge der nicht im Kartell vertretenen Länder nur um 600’000 Fass zurückgehen. Daher werde trotz der rückläufigen Fördermengen in den USA das Angebot die Nachfrage noch bis mindestens Ende 2016 übersteigen.

Ein Grund für das weltweite Überangebot an Rohöl ist der Schieferöl-Boom in den USA. Dabei wird der Rohstoff mit Hilfe des umstrittenen Fracking-Verfahrens unter hohem technischen und finanziellen Aufwand aus dem Gestein gelöst. Einige Opec-Staaten wie Saudi-Arabien wollen aber anders als in früheren Jahrzehnten die Preise nicht mit Förderkürzungen stabilisieren. Sie fahren stattdessen die Produktion hoch und gewähren Kunden Rabatte, um ihre Marktanteile zu verteidigen und Konkurrenten mit höheren Förderkosten aus dem Markt zu drängen. Anfang Dezember betonte das Kartell, an dieser Politik festzuhalten und den Weltmarkt weiter mit Öl zu fluten.

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Andere Rohstoffpreise sinken auch

Dem Sog des Ölpreis-Verfalls können sich andere Energieträger wie Erdgas nicht entziehen. Der US-Terminkontrakt notiert mit 1,89 Dollar je Millionen BTU auf einem 14-Jahres-Tief. Kohle ist mit 44 Dollar je Tonne so billig wie zuletzt vor gut zwölf Jahren. Der Preis für eine Megawattstunde Strom kostet an der Strombörse EEX mit 27,85 Euro so wenig wie noch nie.

Den Rohstoff-Konzernen macht dieser Preisverfall schwer zu Schaffen. Allein der Börsenwert der Ölförderer schrumpfte in den vergangenen eineinhalb Jahren um insgesamt mehr als eine Billion Dollar. Das entspricht in etwa der aktuellen Marktkapitalisierung der 30 Dax-Werte und übersteigt die jährliche Wirtschaftsleistung der Niederlande.

Inflation bleibt tief

Die rückläufigen Energiepreise dämpfen ausserdem die Inflation. Dies zwingt die Europäische Zentralbank (EZB) dazu, mit immer neuen Geldspritzen die Teuerungsrate in Richtung ihrer Zielmarke von knapp zwei Prozent zu treiben. Sonst droht die sogenannte Deflation, eine Spirale fallender Preise und rückläufiger Investitionen.

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Der Ölpreis-Verfall sei aber auch ein Konjunkturprogramm, betont Elga Bartsch, Chefvolkswirtin von Morgan Stanley. Unternehmen bleibe schliesslich mehr Spielraum für Investitionen und Verbrauchern mehr Geld für den Konsum. «Das wird 2016 so bleiben.»

(sda/mbü/ise)