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Preisverfall: SNB strauchelt bei ihrem wichtigsten Mandat

Die Schweizerische Nationalbank steht vor ihrer ersten Lagebesprechung nach dem abrupten Ende des Mindestkurses. Immer deutlicher wird: Der Schweiz droht der stärkste Preisrückgang seit 65 Jahren.

Von Mathias Ohanian
am 16.03.2015

Erstmals nach dem Ende des Mindestkurses gibt die Nationalbank ( SNB) an diesem Donnerstag ausführlich Auskunft über die Verfassung der Schweizer Wirtschaft. Wie gross sind die Schäden, die der Wertanstieg des Frankens nach dem Ende der Eurogrenze bis heute verursacht hat? Wohin geht die Reise in den kommenden Monaten?

Immer klarer zeichnet sich ab: Die letzten Prognosen, die das Direktorium der Nationalbank im Dezember veröffentlichte, müssen die SNB-Experten gründlich überarbeiten. Denn bis heute haben sich die Vorzeichen fundamental verändert. Die starke Aufwertung des Frankens nach der Freigabe des Wechselkurses am 15. Januar lastet auf der Schweizer Konjunktur.

Konjunkturelle Zuversicht leicht gestiegen

Noch im Dezember veranschlagten die Währungshüter einen Anstieg des Bruttoinlandprodukts um zwei Prozent in diesem Jahr. Heute scheint allenfalls ein halb so hohes Plus für 2015 realistisch – wenn überhaupt. Immerhin stieg mit der jüngsten leichten Abwertung des Frankens gegenüber Dollar und Euro auch die Zuversicht ein wenig: Um eine Rezession, also zwei Quartale in Folge mit schrumpfender Wirtschaftsleistung, könnte die Schweizer Wirtschaft in diesen Monaten herumkommen.

Doch die Verwerfungen beschränken sich nicht auf die Wachstumszahlen: Das wichtigste Mandat der SNB ist Preisstabilität, darunter verstehen die Geldhüter einen jährlichen Anstieg der Konsumentenpreise um weniger als zwei Prozent pro Jahr. Damit berücksichtigt die Nationalbank die Tatsache, dass der Index der Konsumentenpreise die effektive Teuerung leicht überzeichnet. «Die SNB wird am Donnerstag sowohl ihre Wirtschafts- als auch die Inflationsprognose deutlich senken», erwartet Daniel Hartmann vom Zuger Anleiheinvestor Bantleon.

Schweizer Preise sinken 2015 so stark wie zuletzt 1950

Wiederholt rechtfertigte SNB-Präsident Thomas Jordan die Frankengrenze in den vergangenen Jahren mit der Gefahr einer Deflation in der Schweiz. Nun gab die Nationalbank dieses Instrument auf und prompt drohen die Preise in diesem Jahr um ein Prozent zu sinken – die 20 von der Zürcher Konjunkturforschungsstelle Kof befragten Schweizer Wirtschaftsexperten erwarten nun für 2015 im Schnitt eine negative Teuerung in genau dieser Höhe. Die Wahrscheinlichkeit einer Deflation ist nach der Aufgabe des Mindestkurses heute also akuter denn je. Im Dezember noch hatte die Nationalbank für 2015 einen Preisrückgang von nur 0.1 Prozent veranschlagt.

Das zeigt auch der Blick auf die langfristige Entwicklung: Seit der Finanzkrise 2008 stiegen die Konsumentenpreise lediglich in zwei von sieben Jahren. In den Jahrzehnten zuvor das Spiegelbild. Da hatte es nur dreimal sinkende Lebenshaltungskosten gegeben: Der erwartete Rückgang der Preise 2015 um ein Prozent dürfte denn auch der höchste seit dem Jahr 1950 werden.

Zinsniveau schon heute «herausstechend» niedrig

Welche Instrumente hat die Nationalbank also, um eine sich verselbständigende Deflation zu verhindern? Experten verweisen auf das Instrument der Negativzinsen. Je tiefer diese sind, desto weniger attraktiv sind Anlagen in Franken und desto besser geht es der Wirtschaft, lautet die Theorie. Doch hier hat die SNB in der Praxis nur noch wenig Spielraum. Schon heute liegt der Einlagensatz für Bankguthaben bei der SNB bei minus 0.75 Prozent.

Das tiefe Zinsniveau sei weltweit «herausstechend», sagt Ökonom Alexander Koch von Raiffeisen Schweiz. Nur die dänische Zentralbank senkte den Zins genauso stark, um Kapitalzuflüsse aus dem Ausland abzuwehren. Im Vergleich zur Euro-Zone und Dänemark ist in der Schweiz mittlerweile jedoch auch der Leitzins für den Geldmarkt im negativen Bereich.

«Pensionskassen und Versicherungen vor grössseren Problemen»

Entsprechend zahlen Geschäftsbanken kräftig drauf, wenn sie sich gegenseitig Geld leihen (siehe Grafik unten). Dem Schweizer Finanzsektor bereitet das zunehmend Probleme, vor allem die Absicherung von Hypothekenfinanzierungen wird spürbar teurer. «Darüber hinaus hält der Negativzins die Schweizer Zinskurve bis zu einer Laufzeit von mehr als 10 Jahren im negativen Bereich, was Pensionskassen und Versicherungen zunehmend vor grössere Schwierigkeiten stellt», sagt Raiffeisen-Ökonom Koch.

Und so rechnen die meisten Beobachter trotz der Deflationsgefahr nicht damit, dass die SNB ihre Zinsen am Donnerstag weiter senkt. Zunächst dürfte sie beobachten wollen, wie ihre Massnahmen der vergangenen Monate wirken. Ihre Hoffnung legen die Schweizer Währungshüter dabei auf die Euro-Zone: Die Krise um Griechenland könnte sich entspannen und die Konjunkturperspektiven haben sich dort zuletzt gebessert. Davon könnte in den kommenden Monaten denn auch die Schweiz profitieren.

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