Zunehmend entwickelt sich eine Kennzahl zum grossen Zankapfel in der Finanzindustrie: Die Leverage Ratio, ein Mass für die ungewichtete Eigenkapitalquote einer Bank. Der Bundesrat will die Schweiz diesbezüglich zu einem international führenden Land machen. Die Leverage Ratios der Grossbanken, die gemäss Schweizer Definition aktuell bei 4 bis 4,5 Prozent liegt, soll in die Gegend von 5 bis 6 Prozent steigen – mindestens. Dies beschloss eine Expertengruppe um den Berner Professor Aymo Brunetti, auf deren Bericht sich der Bundesrat bei der Überarbeitung der «Too big to fail»-Gesetzgebung stützt.

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Die Banken wehren sich gegen ein Vorpreschen der Schweiz. UBS-Konzernchef Sergio Ermotti spricht sich zwar für eine Erhöhung der Eigenmittel aus, das Land soll sich in seinen Regulierungsbestrebungen aber an den internationalen Standards des Financial Stability Boards orientieren. UBS-Präsident Axel Weber stimmt in diesen Chor ein. Zuletzt rechnete er an einem Anlass vor, dass jeder Prozentpunkt an zusätzlichem Eigenkapital ein Minus von 800 bis 900 Millionen Franken beim Betriebsgewinn bedeuten. Die Überlegung: Eigenkapital sei aus Sicht der Bank kostspieliger als Fremdkapital.

Wankender Fakt

Banken nehmen dies gerne als Fakt an. Und verweisen sodann auf schädliche Auswirkungen: Werde die Finanzierung von Krediten teurer, so stiegen auch die Zinsen. Was wiederum zu geringerem Wachstum und volkswirtschaftlichen Kosten in Milliardenhöhe führe. So etwa argumentiert der Londoner Forscher William Perraudin in einer von der UBS finanzierten Studie.

Weder die Ausgangshypothese noch die Schlussfolgerungen seien aber haltbar, sagt der Ökonom Georg Junge. Erstens herrscht Wettbewerb im Bankensektor: Fast zwei Drittel der Schweizer Firmen werden von Kantonalbanken und anderen Instituten bedient. Somit können Grossbanken die Kreditzinsen nicht beliebig erhöhen. Zweitens finanzieren sich Unternehmen nur zu rund 30 Prozent über Bankkredite, was die Kosten einer möglichen Zinserhöhung weiter relativiert. Drittens spielt – in der Praxis zumindest teilweise – der sogenannte Modigliani-Miller-Effekt: Je mehr Eigenkapital eine Bank hält, desto sicherer wird sie. Und desto niedriger werden die Risikoprämien, die Aktionäre verlangen.

Komplexe Nutzenrechnungen

«Schon im Vorfeld des neuen Basel-III-Regelwerks und des «Too big to fail»-Gesetzes von 2011 wurde behauptet, dass sich Kredite verteuern würden», sagt Georg Junge. «Die Ängste haben sich nicht bewahrheitet.»

Der Vorteil eines sicheren Bankensystems besteht in einer grösseren Stetigkeit der Wirtschaftsentwicklung. Junge hatte diesen Nutzen zusammen mit dem Basler Wirtschaftsprofessor Peter Kugler 2012 beziffert. Laut ihrer damaligen Studie zur «Too big to fail»-Regelung übersteigt der Nutzen die Kosten um ein Vielfaches – der Effekt aufs BIP ist zehnmal stärker. Bei der anstehenden Verschärfungsrunde – der sogenannten TBTF 2, ein Akronym für «too big to fail» – mag die Rechnung weniger krass ausfallen. Am Ende dürfte aber dasselbe Vorzeichen stehen: Ein Plus.

Rückendeckung aus Zürich

Davon geht auch der Zürcher Wirtschaftsprofessor Urs Birchler aus. «Rettungsaktionen verursachen enorme volkswirtschaftliche Kosten», sagt er. «Unter dem Strich macht es Sinn, wenn Grossbanken mehr Eigenmittel halten.» Das Argument, dass Eigenkapital für eine Bank automatisch «teuer» ist, lässt Birchler nicht gelten. «Je sicherer ein Schuldner ist, desto günstiger kommt er zu Geld. Das gilt für Banken ebenso wie für deren Kunden.»

Hinter den Kulissen wird nun um Prozente gefeilscht. Ein Konsens ist, dass UBS und CS nach wie vor «too big to fail» sind – zu gross, als dass sie der Steuerzahler in einer Krise untergehen lassen könnte. Darüber hinaus ist alles offen. Figuren wie FDP-Nationalrat Ruedi Noser markieren bereits Distanz. Er werde nicht akzeptieren, dass der Bundesrat das «technokratische» TBTF-2-Paket einfach als Verordnung einführen werde, sagt er.

Überarbeitung von TBTF

Die erste Auflage des TBTF-Gesetzes stützte sich hauptsächlich auf risikogewichtete Kapitalquoten sowie auf die Organisationsstruktur von Banken. TBTF 2 wird aller Voraussicht nach drei Elemente beinhalten. Erstens eine Verfeinerung der Notfallpläne, die Banken wie UBS und Credit Suisse ausgearbeitet haben. Zweitens eine neue Spezifikation von sogenanntem Bail-in-Kapital, das bei der Sanierung einer Grossbank von den Gläubigern eingezogen wird. Drittens soll die Verschuldung der Banken sinken.