Das Datenleck bei der US-Notenbank hat einigen Banken möglicherweise Handelsvorteile gebracht. Wie nun bekanntwurde, bekamen nicht nur Mitarbeiter von Abgeordneten und Lobbyisten das Protokoll der März-Sitzung des für die Geldpolitik entscheidenden Ausschusses (FOMC) Stunden früher als geplant, sondern auch Banker.

Insgesamt hätten rund 100 Personen die Mitschrift gut einen Tag zu früh bekommen, bestätigte ein Sprecher der Federal Reserve in Washington am Mittwochabend. Darunter seien auch Mitarbeiter von Goldman Sachs, Barclays Capital, Wells Fargo, Citigroup, UBS und JP Morgan gewesen.

Es ist die grösste Datenpanne bei der Fed seit vielen Jahren. Die Fed hatte wegen des Lecks am Mittwoch die Veröffentlichung des Protokolls um fünf Stunden vorgezogen und die Börsenaufsichtsbehörden SEC und CFTC um eine Untersuchung gebeten. Inzwischen ist auch der Name des Notenbankmitarbeiters bekannt, der das Protokoll per Mail - laut einer ersten Stellungnahme der Fed «aus Versehen» – an seinen E-Mailverteiler geschickt hat.

Protokoll mit Sperrfrist

Seine Mail, von der der Nachrichtenagentur Reuters eine Kopie vorliegt, zeigt, dass das Sitzungsprotokoll als Anhang versendet wurde, der mit einem Sperrfristvermerk für die Weiterverbreitung versehen war: Mittwoch, 10. April, 14 Uhr (20 Uhr MESZ). Zu diesem Zeitpunkt sollte das Protokoll regulär veröffentlicht worden.

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Der Vorfall ist brisant: In den Protokollen, die immer im Abstand von einigen Wochen nach Sitzung und Zinsbeschluss des FOMC publik gemacht werden, finden sich stets detaillierte Informationen über Abstimmungsverhalten und Ansichten der Mitglieder. Dies erlaubt Experten und Beobachtern der US-Geldpolitik Rückschlüsse auf die künftige Geldpolitik der US-Notenbank wie etwa die Zinsentwicklung oder andere Massnahmen.

Wer früher als andere über diese Informationen verfügt, kann zum Beispiel einen Vorteil im Devisen- oder Staatsanleihenhandel haben und entsprechende Gewinne machen.

Börsen kaum bewegt

Am Mittwoch bewegten sich die Börsen nach Veröffentlichung des Protokolls kaum. Grund dafür dürfte gewesen sein, dass aus der Mitschrift zum einen keine eindeutige Haltung der Top-Notenbanker erkennbar war. Zudem waren am Freitag aktuelle Arbeitsmarktdaten bekanntgeworden, die ein düsteres Bild vom wirtschaftlichen Zustand der USA zeichneten.

Diese Daten lagen bei der FOMC-Sitzung, über die das Protokoll berichtet, aber noch gar nicht vor. Analysten und Ökonomen sind sich derzeit ebenso wie die Zentralbanker selbst nicht einig, zu welchem Zeitpunkt die Fed beginnen wird, weniger Geld in die Wirtschaft zu pumpen. Notenbank-Chef Ben Bernanke hat seinen geldpolitischen Kurs schon vor längerer Zeit von der Entwicklung am Arbeitsmarkt abhängig gemacht.

(vst/tke/reuters)