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Rebellen vor Machtübernahme in Tripolis - Suche nach Gaddafi

Muammar al-Gaddafi scheint nach vier Jahrzehnten an der Macht in Libyen am Ende. Rebellen kämpften sich am Montag in Tripolis bis zum Anwesen des 69-Jährigen vor. Doch der bleibt verschwunden.

Veröffentlicht am 22.08.2011

Die Lage bleibt unübersichtlich. Die Rebellen versuchten im Tagesverlauf, im Häuserkampf in Tripolis Heckenschützen und Widerstandsnester auszuschalten und zahlten dabei nach eigenen Angaben einen hohen Blutzoll. Am Nachmittag sollen die Kämpfe gemäss Augenzeugen nachgelassen haben. Agenturen berichteten auch von heftigen Kämpfen in der westlibyschen Stadt Sawara. Die Stadt werde von Gaddafi-Truppen angegriffen.

Wo ist Gaddafi?

Tripolis sei fast vollständig erobert, sagte der Chef des Übergangsrats, Mustafa Abdel Dschalil, am frühen Abend. Der Aufenthaltsort Gaddafis sei aber unklar. Bereits am Sonntagabend hatten Rebellen drei Gaddafi-Söhne, Saif al-Islam, Saadi und Mohammed, festgenommen. Saif al-Islam wird vom Internationalen Strafgerichtshof per internationalen Haftbefehl wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit gesucht.

Auch Muammar al-Gaddafi sowie sein Geheimdienstchef werden per internationalen Haftbefehl gesucht. Gemäss dem Sender Al-Dschasira setzte sich auch der libysche Ministerpräsident Baghdadi Mahmudi nach Tunesien ab.

Im Bunker versteckt?

Diplomaten vermuten Vater Gaddafi im Bunkersystem unter den Ruinen seiner Residenz. Noch am Sonntag hatte er in einer Audio-Botschaft am Staatsfernsehen Durchhalteparolen ausgegeben. Dschalil sagte, die Rebellen wollten ihn lebend fassen, damit er vor Gericht gestellt werden könne. Er rief die Rebellen auf, keine Rache zu nehmen. Sonst werde er von seinem Posten zurücktreten. Auch westliche Staaten forderten von den Rebellen, von Rache Abstand zu nehmen und Gaddafi und sein Regime vor Gericht zu stellen.

Westliche Staaten sowie Russland, China und die Arabischen und islamischen Staaten rechnen damit, dass der Kampf bald zu Ungunsten Gaddafis Ende geht. Dies zeigten zahlreiche Stellungnahmen. Auch die Schweiz rief Gaddafi zum Rücktritt auf, um ein Blutvergiessen zu verhindern.

Zeit nach Gaddafi

In den Hauptstädten rund um den Globus stellt man sich nun auf ein Libyen ohne Gaddafi ein. Die EU-Botschafter treffen sich deswegen bereits am Dienstag in Brüssel. Besprochen würden alle relevanten Fragen, sagte ein Sprecher von EU-Chefdiplomatin Cathrine Ashton.

Ein erster Schritt könnte die Freigabe eingefrorener Konten in Milliardenhöhe sein, wie dies mehrere EU-Staaten fordern. In der Schweiz sind gemäss dem Staatssekretariat für Wirtschaft 650 Millionen Franken an libyschen Vermögen blockiert.

Die NATO wiederum zeigte sich zufrieden. «Heute können wir anfangen, eine neue Zukunft aufzubauen», erklärte Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen. Mit dem Machtverlust Gaddafis habe das Militärbündnis sein Ziel erreicht, das mit Luftangriffen den Vormarsch der Rebellen unterstützt hat. Lange Zeit drohte in den vor sechs Monaten ausgebrochenen Kämpfen ein Patt.

Wie einig sind sich die Rebellen?

Die Rebellen stehen nach einem Sieg aber vor grossen Herausforderungen. In dem Bündnis gibt es Risse - wie die Ermordung des Militärchefs Abdel Fatah Junes Ende Juli deutlich zeigte.

Libyen hat zudem keine unabhängige Verwaltung und Justiz. Traditionell sind die Stämme ein grosser Machtfaktor. Daneben dürften auch Staatseliten und bislang oppositionelle Gruppen ihren Einfluss ausbauen wollen.

Im Übergangsrat sitzen ehemalige Regierungsvertreter neben Menschenrechtlern, Stammesvertretern und Islamisten. Die meisten von ihnen kommen aus dem Osten des Landes. «Der Übergangsrat war nur homogen in seinem Kampf gegen Gaddafi», fasste Konfliktforscher Kurt Spillmann gegenüber der Tagesschau des Schweizer Fernsehen zusammen.

Der Islamwissenschaftler Reinhard Schulze sagte, wichtig sei, dass der Übergangsrat Vertreter des Westens aufnehme, um ein Auseinanderbrechen Libyens zu vermeiden. Zudem müssten auch Kräfte in der Verwaltung und den Ministerien integriert werden.

(laf/sda/awp)

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