Die Welt steht vor einer neuen Finanzkrise. Das ist das knallharte Fazit der Ökonomen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ). Die Schuldenprobleme in der Euro-Zone könnten zum Auslöser werden, schreiben sie im neuesten Jahresbericht. Denn auch die aufstrebenden Länder sind nicht mehr so solide wie auch schon. In China oder Brasilien sieht die BIZ Anzeichen für ähnliche finanzielle Ungleichgewichte wie in den Industriestaaten vor dem Ausbruch der ersten Finanzkrise im Jahr 2008. Sie warnt insbesondere vor der Inflation im Nahrungsmittel-, Energie- und Rohstoffsektor und den Risiken durch das Aufkommen von Instrumenten wie rohstoffbezogenen Fonds.

Die Schweiz wäre von einer solchen Entwicklung besonders betroffen. In den letzten Jahren ist der Rohstoffhandel durch Firmen in Genf und Zug extrem gewachsen. Der Transithandel, bei dem in der Schweiz ansässige Firmen Rohstoffe im Ausland kaufen und anderswo wieder verkaufen, hat im letzten Jahr um 46 Prozent auf über 17 Milliarden Franken zugenommen. Vor zehn Jahren war es erst gut 1 Milliarde Franken.

Das zeigt sich auch in der neuesten Rangliste der 500 grössten Schweizer Unternehmen, welche die «Handelszeitung» jährlich mit der Wirtschaftsauskunftei Dun & Bradstreet zusammenstellt. Mit Glencore steht erneut ein Rohstoffkonzern auf dem ersten Rang. Mit einem Umsatz von 145 Milliarden Franken liegt er weit vor dem Traditionsunternehmen Nestlé (110 Milliarden), welches den zweiten Platz belegt. Danach folgt mit Trafigura (79 Milliarden) bereits wieder ein Konzern, der mit Rohstoffen handelt. Unter den 20 grössten Schweizer Industrie-, Handels- und Dienstleistungsfirmen stellt die Branche gleich sechs Vertreter.

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So verschwiegen die Rohstoffhandelsindustrie hierzulande auch operiert, sie ist heute eine Macht. Das Geschäft der paar Tausend Öl-, Kaffee- oder Metallhändler macht bereits 3 Prozent des Bruttoinlandprodukts der Schweiz aus, mehr als der gesamte Tourismus mit seinen 145000 Beschäftigten. Im Jahr 2010 stammte die Hälfte des inflationsbereinigten Wirtschaftswachstums von 2,6 Prozent allein von Firmen wie Glencore, Trafigura, Rosneft, Mercuria oder Gunvor.

Der Trend hält auch im laufenden Jahr an. Gemäss Schätzungen der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF) wächst der Rohstoffhandel erneut weit stärker als die übrige Wirtschaft. Die ­Diskrepanz ist gar noch grösser gewor-den. Ohne Glencore & Co. wäre die Schwei­zer Wirtschaft im 1. Quartal bereits geschrumpft.

Für KOF-Ökonom Yngve Abrahamsen ist denn auch klar: «Wir überschätzen das Wachstum. Es sieht rosiger aus, als es wirklich ist.» Vor allem bringt das vom Rohstoffhandel getriebene Wachstum auch kaum zusätzliche Jobs. Die Branche beschäftigt lediglich ein paar Tausend Spezialisten. Besonders Genf hat in den letzten Jahren zahlreiche Handelsfirmen angezogen und London als Mekka des Ölhandels abgelöst. Rund ein Drittel des international gehandelten Öls läuft schon über Genf.