Rückschlag für die deutsche Wirtschaft: Nach einem starken Jahresauftakt hat die Konjunktur im Frühjahr den Rückwärtsgang eingelegt. Im zweiten Quartal sei das Bruttoinlandprodukt (BIP) um 0,2 Prozent zum Vorquartal gesunken, teilte das Statistische Bundesamt am Donnerstag in Wiesbaden mit. Für die grösste europäische Volkswirtschaft ist dies der erste Rückschlag seit 2012. Ökonomen waren nur von einem Rückgang um 0,1 Prozent ausgegangen.

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«Der Rückgang war etwas deutlicher als erwartet. Auch für das dritte Quartal sieht es derzeit nicht nach viel Schwung aus», sagte Holger Sandte, Analyst bei Nordea. Er rechnet damit, dass in den kommenden Monaten weniger neue Stellen geschaffen werden. Dennoch beschwichtigt er Ängste für die deutsche Wirtschaft. «Die Haushaltsziele müssen nicht ernsthaft in Gefahr geraten, solange der private Verbrauch sich hält.»

Aussenhandel und Investitionen bremsten

Für den Rückgang des BIP im zweiten Quartal waren nach Angaben des Statistischen Bundesamts unter anderem der Aussenhandel und die Investitionen verantwortlich. Die Exporte seien im Vergleich zum Vorquartal weniger stark gestiegen als die Importe, sodass sich der Aussenbeitrag negativ auf die deutsche Wirtschaftsentwicklung ausgewirkt habe. Daneben seien die Investitionen insbesondere in Bauten besonders deutlich zurückgegangen, hiess es weiter. 

«Der Aussenhandel wird auf absehbare Zeit keinen positiven Wachstumsbeitrag bringen», sagte dazu Stefan Kipar von der BayernLB. «Auch in den nächsten Quartalen ist wegen der Ukraine/Russland-Krise nicht mit hohen Wachstumsraten zu rechnen.»

Wirtschaft kann nicht an starken Jahresauftakt anknüpfen

Die deutsche Wirtschaft konnte damit nicht an den starken Jahresauftakt anknüpfen. Im ersten Quartal war das BIP unter anderem wegen eines ungewöhnlich milden Winters um revidiert 0,7 Prozent (zuvor 0,8 Prozent) gestiegen.

Zuletzt hatte eine Reihe von schwachen Konjunkturdaten auf einen Rückgang der Wirtschaftsleistung in den Monaten April bis Juni hingedeutet. Im Vergleich zum Vorjahr sei die Wirtschaft im zweiten Quartal kalenderbereinigt um 1,2 Prozent gestiegen, teilte das Bundesamt weiter mit.

Prostitution und Drogenhandel fliessen in das BIP ein

Das Bruttoinlandsprodukt ist dabei für das zweite Quartal erstmals nach einer neuen Methode berechnet worden. Es flossen neue Posten in die Kalkulation ein – ohne moralische Scheuklappen. Am wichtigsten sind für die neue Berechnung die Ausgaben für Forschung und Entwicklung. Sie werden nicht mehr als Vorleistungen, sondern als Investitionen verbucht und fliessen damit in die Daten zum Wirtschaftswachstum ein.

Darüber hinaus wird für das BIP jetzt auch berücksichtigt, was Prostitution, Drogenhandel und der Verkauf von Panzern einbringen. «Grundsätzlich soll das Bruttoinlandsprodukt die gesamte Wirtschaftsleistung erfassen, unabhängig von einer moralischen Wertung», sagte Norbert Räth, Leiter der Gruppe Inlandsprodukt beim Statistischen Bundesamt, gegenüber dem «Handelsblatt». 

Neue Methode erleichtert den internationalen Vergleich

 Deutschland setzt damit das «Europäische System der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung» (ESVG) von 2010 um, das ab 1. September EU-weit gültig sind. Es soll die BIP-Zahlen international vergleichbarer machen.

Die Auswirkung der neuen Berechnungsmethode sind laut Bundesamt gering. Gravierende Auswirkungen auf die Wachstumsraten sind nicht zu erwarten Die Statistiker haben ausserdem anlässlich der Änderung die Zahlen bis in das Jahr 1991 zurück überprüft und, so das Bundesamt in seiner Mitteilung, gegebenenfalls überarbeitet. Damit können die künftigen BIP-Zahlen auch weiterhin mit den früheren verglichen werden.

Schuldenberg schrumpft erstmals seit 1950

Der Schuldenberg des deutschen Staates ist dafür  im vergangenen Jahr zum ersten Mal seit 1950 geschrumpft. Die Verbindlichkeiten von Bund, Ländern, Kommunen und gesetzlicher Sozialversicherung einschliesslich aller Extrahaushalte nahmen um 30,3 Milliarden Euro oder 1,5 Prozent ab.

Insgesamt steht der Staat bei privaten Gläubigern und Kreditinstituten aus dem In- und Ausland noch mit knapp 2,04 Billionen Euro in der Kreide.

(me - mit Material von awp und reuters)