Der Fünfer ist ausgegeben und das Weggli gegessen. So müsste man wohl die augenblickliche Situation der grössten Industrienationen der Welt beschreiben.

Die Staatsverschuldung ist in aller Munde und viele sorgen sich darum, wer für diese Verbindlichkeiten aufkommen soll. Von einer Belastung der kommenden Generationen ist die Rede, doch so weit wird es nicht kommen: Die Zeche werden wohl die Alten zahlen.

Die Verschuldungskrise der Staaten ist in ­aller Munde! Weithin bekannt sind die Fakten. Die Staatsverschuldung der OECD-Staaten ist in den vergangenen Jahren auf einen Wert angewachsen, der im Schnitt erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg über dem Jahreseinkommen liegt.

Auch in diesem Jahr wächst die Staatsverschuldung in vielen Ländern fröhlich weiter. Die OECD rechnet mit einem Anstieg der ­Verschuldungsquote um durchschnittlich gut 5 Prozentpunkte. In Japan soll die Quote um 8 Punkte auf 214, in den USA um 6 Punkte auf 109 und in der Euro-Zone um 4 Punkte auf 99 Prozent des Volkseinkommens ansteigen. Fast fragt man sich mit dem alten Karnevalsschlager: Wer soll das bezahlen, wer hat so viel Geld?

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Die Politik verspricht so manches,was sie später nicht halten kann

Dabei ist ein Ende des Anstiegs der Ver­schul­dungsquoten in den allermeisten Ländern nicht in Sicht. Das ist umso bedenklicher, weil es sich bei der nationalen Buchhaltung ja nur um die bis heute realisierten Defizite handelt. Von den Bürgern für die Zukunft versprochenen Wohltaten wollen die wohl schuldbewussten Statistiker der betroffenen Länder nichts wissen.

Natürlich kann man sich trefflich streiten, ob die sogenannte implizite Staatsverschuldung – das ist der Wert, den eine Unternehmung nach moderner Rechnungslegung für bekannte, zukünftige Verbindlichkeiten ausweisen müsste – eine wirklich relevante Statistik ist.

Wir sind es ja gewohnt, dass die Politik so manches verspricht, was später nicht gehalten werden kann. Fragen Sie einmal in ihrem ­Bekanntenkreis bei den 30- bis 50-Jährigen ­herum, wer für sich Leistungen etwa von der AHV erwartet. In der subjektiven Realität ist die AHV längst zu einer Zusatzsteuer mit ungeheurer Umverteilungswirkung verkommen.

Immerhin hat sich die OECD jüngst die Mühe gemacht, die heute bestehende und die implizite Staatsverschuldung in ihre Analysen mit einzubeziehen. So hat sie untersucht, wie stark man heute fiskalisch auf die Bremse treten müsste, um angesichts der existierenden Regelungen der Sozial- und Krankenversicherungen bis zum Jahr 2050 die Verschuldungs­situation wieder zu normalisieren. Das Ergebnis war verheerend.

Nur Schweden hat keinen Handlungsbedarf

Von den 26 untersuchten Industrienationen hat heute gerade einmal Schweden keinen Handlungsbedarf. Selbst die Schweiz müsste bei den Staatsfinanzen korrigieren. Mit einem Sparbedarf von gut 2 Prozent des Volkseinkommens liegen die Schweizer nach Schweden und Dänemark allerdings auf dem guten 3. Platz der Länderliste.

Interessanter erscheinen dagegen die sogenannten Problemstaaten. Nach den enormen Sparmassnahmen der vergangenen drei Jahre liegen die Griechen mittlerweile ­bereits auf Platz sieben. Pikanterweise steht es unter Einbezug der für die Zukunft versprochenen Leistungen um die öffentlichen Haushalte in Italien,

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Griechenland, Spanien und Portugal besser als in Deutschland, Frankreich, Finnland, Österreich oder den Niederlanden. Platz 21 belegt Grossbritannien, die USA folgen auf Platz 24 und Japan bleibt auch in dieser Betrachtung das Schlusslicht.

Noch bedenklicher als die Platzierung stimmt die Grösse der unmittelbar notwen­digen Konsolidierungsmassnahmen in diesen Ländern. Während die Euro-Zone Haushaltseinsparungen von gut 4 Prozent des Volkseinkommens vornehmen müsste, liegt Grossbritannien bei 8, die USA bei über 9 und Japan bei 12 Prozent.

Angesichts der jüngsten Erfah­rungen der Euro-Zone, welche sich aufgrund deutlicher Sparbemühungen am Rande einer Rezession befindet, werden die Politiker in den noch schlechter dastehenden Nationen wohl sehr zurückhaltend mit der Verordnung von Spar­paketen sein. Was Wachstum kostet, kostet auch Wählerstimmen.

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Hollande, Lagarde, Obama undRomney singen im gleichen Chor

Deutlich sind dementsprechend die Vertreter einer Wirtschaftspolitik à la Münchhausen bereits heute zu hören. In seltener Harmonie reicht der Chor derjenigen, die uns erklären wollen, dass man die Wirtschaft nicht kaputt sparen dürfe, von den Franzosen Hollande und Lagarde zu den Amerikanern Obama und Romney. Was bleibt dann als Ausweg, wenn ganz offensichtlich die realistisch bewerteten Schulden zu gross geworden sind und man nicht sparen will?

Logisch betrachtet gibt es drei Möglichkeiten: Steuern anheben, Schulden nicht bezahlen oder über unerwartete Inflation den realen Wert der Schulden reduzieren. Alle drei Möglichkeiten treffen per Definition die Reichen. Für den Unternehmer, der das Einmaleins der Buchhaltung beherrscht, ist die Sache sowieso klar. Wenn wir einstimmig feststellen, dass es zu viel Schulden auf der Welt gibt, dann ist das identisch mit der Vorstellung, dass es zu viel Vermögen auf der Welt gibt. Die Schuld des ­einen muss das Vermögen eines anderen sein. Damit ist klar: Schulden reduzieren, ohne zu sparen, bedeutet Vermögen vernichten!

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Nur, wem gehört der Grossteil des Vermögens in unseren Gesellschaften? Den Alten. Den Menschen, welche ein Leben lang ­gespart ­haben, um sich ihren Lebensabend zu sichern oder ihren Kindern eine Erbschaft zu hinterlassen. Die grossen Vermögen liegen ­gerade bei den Pensionskassen und Lebensversicherungen, welche auch noch staatlich verpflichtet sind, grosse Vermögensbestandteile in sichere Anleihen zu investieren. «Honi soit qui mal y pense.»

Altersarmut wird damit zum Thema der kommenden Jahre

Was bleibt, ist also der Weg, den Staatslenker der Antike, absolutistische Fürsten, kommunistische Revoluzzer und lateinamerika­nische Potentaten schon oft gegangen sind: Schulden nicht zurückzahlen. Entweder durch einen Schuldenschnitt oder dadurch, dass die Notenbank mit frisch gedrucktem Geld die ­Finanzbedürfnisse des Staates befriedigt.

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Nicht Jugendarmut wird damit zum Thema der kommenden Jahre, sondern Altersarmut. Wer jung ist, kann arbeiten, und wird es wohl auch müssen. Wer alt ist, kann nur den Gürtel enger schnallen.

Klaus W. Wellershoff ist Chef der international tätigenUnternehmensberatung Wellershoff & Partners, Zürich,und Honorarprofessor für angewandte Volkswirtschaftslehre an der Universität St.Gallen.