1. Home
  2. Konjunktur
  3. Schwaches Pfund: Iren werden zu Einkaufstouristen

Währung
Schwaches Pfund: Iren werden zu Einkaufstouristen

Der Brexit wirkt in Nordirland ähnlich wie der Frankenschock: Experten erwarten einen Boom des Einkaufstourismus. Daran ist für sie wenig positiv, bei der Lösungssuche schauen sie auf die Schweiz.

Karen Merkel
Von Karen Merkel
am 07.07.2016

Londonderry hat von allen Städten im Vereinigten Königreich am deutlichsten gegen den Brexit gestimmt. 78 Prozent der Einwohner waren dafür, in der EU zu bleiben. Doch gerade hier, wo die EU-Anhänger so zahlreich sind, zeigen sich die Folgen des Brexit-Votums unmittelbar.

Denn Londonderry liegt in Nordirland an der Grenze zur Republik im Süden. Hier wird mit dem britischen Pfund bezahlt, ein paar Kilometer weiter mit dem Euro. Die historischen Kursstürze des Pfunds von gut 10 Prozent in den vergangenen Wochen werden Auswirkungen haben, ähnlich denen an der schweizerisch-deutschen Grenze nach dem Ende des Mindestkurses: Der Einkaufstourismus nimmt stark zu.

Pfund hat deutlich an Wert verloren

Irlands Finanzminister John Palmer warnt bereits vor den möglichen Entwicklungen. Er rechne in jedem Fall mit einem Einfluss des schwächeren Pfunds, sagte er vor wenigen Tagen. «Wie gross dieser ist, ist schwer abzuschätzen, aber wir werden im Rahmen unserer Budgetplanung darauf schauen».

Was Palmer erwartet: Die Einwohner der Republik im Süden werden vermehrt in die Städte entlang der Grenze strömen, um zu shoppen, zu tanken oder Alkohol zu kaufen. So war es bereits 2009, zu Zeiten der Finanzkrise. Damals näherten sich Euro und Pfund der Parität an, und die Iren fielen scharenweise im Norden ein, um beim Einkauf Geld zu sparen. Der Einkaufstourismus wurde damals zur wirtschaftlichen Belastung für den Süden, das gab Anlass für eine breite politische Debatte.

«Zunächst ein gutes Geschäft»

Eine ähnliche Entwicklung zeichnet sich auch jetzt ab. Ein Pfund kostet aktuell 1,17 Euro, am Tag vor dem Brexit-Votum waren es noch 1,30 Euro. «Auf kurze Sicht werden Unternehmen in Nordirland deutlich vom schwachen Pfund profitieren», sagt Aiden Gough, Chefökonom von Intertrade Ireland. Glyn Roberts von der Northern Ireland Independent Retail Trade Association (NIIRTA) bestätigt: «Für Nordirland ist das zunächst ein gutes Geschäft.»

Dennoch sieht Gough die Folgen des Brexit-Votums sowohl für die Republik Irland als auch für Nordirland mit grosser Skepsis. Zwischen Nord und Süd werden laut Förderorganisation Intertrade jährlich Waren im Wert von umgerechnet 6,5 Milliarden Franken ausgetauscht. Zwei Drittel der KMU im Norden exportieren gen Süden, umgekehrt tut dies ein Sechstel der kleineren Firmen aus der Republik.

Risiko Währungvolatilität

Ökonom Gough sieht den Handel vor allem durch die Währungsvolatilität überschattet. Sie ist für ihn aktuell das grösste Problem in Folge des Brexit-Votums – neben der Tatsache, dass in Nordirland bereits EU-Gelder für Forschungsprojekte eingefroren wurden, ähnlich wie es Wissenschaftler an britischen Universitäten beklagen. Diese Planungsunsicherheit werde auch die Unternehmen in Nordirland belasten, sagt er, vor allem, da sie hauptsächlich in den Süden liefern.

Gough empfiehlt irischen Firmen darum, sich auf anhaltende Währungsschwankungen einzurichten. «Wir raten den Unternehmen, sich Wechselkursrisiken weniger auszusetzen und in Innovationen zu investieren.» Historisch hätten sich Veränderungen der Wechselkurse selten auf den nationalen Handel ausgewirkt. Gough gibt aber zu bedenken: «Beim Brexit sprechen wir von einem völlig unterschiedlichem Szenario.»

EU-Aussengrenze quer durch Irland

Wird der Brexit erst einmal Realität, mutiert die 500 Kilometer lange innerirische Trennlinie zur EU-Aussengrenze – und diese Perspektive ist weder dem Norden noch dem Süden genehm. «Ich kenne Unternehmen in Nordirland, bei denen ein Viertel der Arbeitskräfte aus dem anderen Landesteil stammt», sagt Glyn Roberts. Diese wüssten alle nicht, wie es weitergeht.

Während für den Norden die Freizügigkeit der Arbeitskraft und der Handel mit der EU in Frage steht, fürchtet der Süden um die Beziehung zu seinem wichtigsten Handelspartner. Knapp 13 Prozent der Ausfuhren aus Irland gehen an das Vereinigte Königreich, fast ein Viertel der Importe kommen von dort.

Dazu kommt die Sorge um den lange wackligen Frieden zwischen Katholiken und Protestanten. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat die Grenze faktisch keine Rolle gespielt, seit der Nordirlandkonflikt mit dem Karfreitagsabkommen befriedet worden war. Spürbar war sie nur, weil die Strassenschilder von Kilometer auf Meilen wechselten. Wie das in Zukunft geregelt wird, ist offen. «Niemand will eine harte Grenze», sagt Gough. «Wir hoffen, dass sich der gesunde Menschenverstand durchsetzt.»

Blick auf die Schweiz

50'000 Jobs sieht die Handelskammer Londonderry in Nordirland Gefahr, wenn der Austritt aus der EU vollzogen wird. «Wir fürchten wirtschaftlichen Schaden und fordern unsere Regierung auf, diesen wirtschaftlichen Schaden zu begrenzen», sagte Kammerpräsident Gavin Killeen nach dem Votum.

«Wir brauchen schnell einen Plan», sagt Glyn Roberts. «Der Blick geht dabei auch in Richtung Schweiz», sagt Experte Gough. Auf der Suche nach einem Modell würden sie aktuell sehr viel lernen über Länder wie die Schweiz oder Norwegen, die nicht in der EU sind – und trotzdem eine enge Verbindung zu ihr haben.

Das sagen Einwohner von Belfast am Tag nach dem Brexit-Votum:

Anzeige