Früher war alles besser. Am Bankgeheimnis störte sich keiner. Am Eurovision Song Contest holten wir mehr als null Punkte. Im Skiweltcup fegten wir die Konkurrenz vom Podest. Und ganz nebenbei schrumpften wir gemütlich – wie etwa im Jahr 1976, als die Schweizer Bevölkerung um 0,58 Prozent zurückging. Über drei Jahrzehnte später plagt dagegen viele Bürger ein beklemmendes Gefühl.

Seit die Statistiker das Schreckgespenst vom achtmillionsten Einwohner freigelassen haben, geht die Platzangst um. Egal ob links oder rechts, die Politiker reiten gerne auf der Panikwelle. Ihre Klientel findet angeblich gar nichts mehr – keinen schönen Fensterplatz in der S-Bahn, keine ruhige Billigwohnung im Stadtzentrum, keine blumengespickte Magerwiese vor der Haustür.

Einmal mehr sind die Zuwanderer schuld an der Misere. Sie machen uns laut den Alarmisten das tägliche Leben beinahe zur Hölle. Die Zuwanderung muss gestoppt oder zumindest gebremst werden, fordern Kommentatoren jeglicher Couleur.  

Die Schweiz wirkt wie eine verspannte Diva

Kann man die Aufregung ernst nehmen? Oder jammert da jemand auf hohem Niveau? Die Schweiz wirkt in diesen Tagen wie eine verspannte Hollywood-Diva, die sich über ein paar lästige Autogrammjäger im Vorgarten beschwert. Offenbar herrscht hierzulande eine beunruhigende Sattheit, die vergessen macht, wie es jenseits von Eden aussehen kann. Dabei finden sich die abschreckenden Beispiele gleich in der Nachbarschaft.

In Europa tobt die Euro-Krise. Bereits machen mehrere Länder die bittere Erfahrung, dass ihre Bürger in der Not nur noch auswandern können. Gut ausgebildete Griechen versuchen ihr Glück in London. Spanische Akademiker zieht es nach Deutschland. In Irland verliessen 2011 bereits rund 50'000 Menschen ihr Land. Auswanderungswellen kommen in der Geschichte immer wieder vor. Selbst aus der Schweiz setzten sich im vorletzten Jahrhundert hungrige Arbeiter ins Ausland ab. Solche Wellen sind eine Art Zeichen für das kollektive Scheitern. Das Geschäftsmodell eines Landes hält den globalen Belastungen nicht stand.  

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Keiner will in einem Land leben, aus dem die Menschen flüchten

Auf die Schweiz trifft heute das Gegenteil zu. Der Finanztsunami richtete vergleichsweise geringe Schäden an. Das Wachstum wirkt robust. Die Arbeitslosenquote verharrt bei bescheidenen 2,7 Prozent. Dass dieses Wirtschaftswunder immer neue Migranten anzieht, ist in erster Linie ein gutes Zeichen. Keiner will in einem Land leben, aus dem die Menschen flüchten. Die Ursachen eines Bevölkerungsrückgangs fallen meist gravierender aus als die negativen Begleiterscheinungen eines Bevölkerungswachstums.

Acht Millionen Menschen sind so gesehen noch zu wenig. Anstatt sich über die Zuwanderung zu beklagen, sollte man die Anziehungskraft des Landes stärken. Die Standortvorteile sind nicht gottgegeben. So kämpfen etwa die Spezialisten für die Ansiedlung ausländischer Firmen bereits mit einer Auftragsflaute. Die Kehrseite des bisherigen Erfolgs der Schweiz ist verkraftbar.

Für jeden einen Fensterplatz

Missbräuche des Sozialstaates müssen konsequent verfolgt werden. Mit geschickter Raumplanung lässt sich die Zersiedelung besser steuern. Verdichtetes Bauen gehört anderswo längst zum Alltag. Und würde die Hälfte der Pendler eine Stunde später anfangen zu arbeiten, könnte in der S-Bahn fast jeder am Fenster sitzen. Entsprechende Projektideen gibt es im Raum Zürich.

Früher war übrigens nicht alles besser. Die Ölkrise liess 1976 das Wirtschaftswachstum zusammenbrechen und die Bevölkerung schrumpfen. Der vierte Platz der Kuschel-Combo Peter, Sue und Marc am Eurovision Song Contest konnte da kein Trost sein.