Hochqualifizierte Personen mit Migrationshintergrund werden auf dem Schweizer Arbeitsmarkt teilweise diskriminiert. Zu diesem Schluss kommt eine Studie der Universität Basel. Die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus (EKR) fordert Massnahmen dagegen.

Am meisten benachteiligt sind Personen aus der Türkei, aus Südosteuropa und aus Portugal, wie die Autoren der Studie und die EKR am Donnerstag vor den Medien darlegten. Betroffen sind auch jene, die ihr Studium in der Schweiz abgeschlossen haben. Damit liege ein wichtiges Potenzial brach, sagte Soziologe Ueli Mäder.

Die Studie betrachtet die Zuwanderung unter einem neuen Blickwinkel. Bisher seien eher die schlecht ausgebildeten Ausländerinnen und Ausländer im Fokus gestanden, stellte Mäder fest. Die Zuwanderung von Personen mit tertiärer Bildung habe in den vergangenen Jahren aber stark zugenommen. Im Jahr 2011 lag der Anteil Hochqualifizierter unter den Zugewanderten bei 46 Prozent.

Trotz eines höheren Anteils an Hochqualifizierten sind Ausländerinnen und Ausländer jedoch öfter arbeits- und erwerbslos als Schweizerinnen und Schweizer. Ausländische Hochqualifizierte sind im Schnitt zweimal so stark von Arbeitslosigkeit und dreimal so stark von Erwerbslosigkeit betroffen wie schweizerische.

Hochqualifizierte arbeiten als Reinigungskräfte

Bei den Personen aus Portugal und der Türkei waren im Jahr 2010 über 5 Prozent der Hochqualifizierten erwerbslos, während die Erwerbslosigkeit von schweizerischen Hochqualifizierten bei 1,5 Prozent lag. Manche ausländischen Hochqualifizierten arbeiten zudem als Reinigungskräfte.

Wie stark all das auf Diskriminierung zurückzuführen ist, kann nicht exakt bestimmt werden. Die Befragung von Arbeitgebern und Betroffenen ergab jedoch, dass «anders sein» eine Rolle spielt. So fällt beispielsweise ins Gewicht, wenn ein Lebenslauf vom klassisch schweizerischen abweicht, etwa mit Blick auf den Zeitpunkt der Familiengründung.

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Multinationale Unternehmen kommen besser weg

Vergleichsweise fortschrittlich sind multinationale Unternehmen, wie Studienautor Ganga Jey Aratnam darlegte. Sie sind stärker auf Vielfalt bedacht als heimische KMU oder die staatliche Verwaltung. Hochqualifizierte Ausländerinnen fühlen sich in solchen Unternehmen denn auch besonders wohl.

Kaum Zugang finden sie dagegen zu sozialen Institutionen. «Das hat uns erstaunt», gestand Aratnam. Der Soziologe vermutet, dass dies nicht zuletzt mit dem «moralischen Guthaben» zusammenhängen könnte, über das Sozialtätige wegen ihres Berufs zu verfügen glauben. Sie leisten sich deswegen dann bei Anstellungen ein weniger moralisches Verhalten.

EKR empfiehlt Vielfalt

Die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus (EKR) hat auf Basis der Studie Empfehlungen formuliert. Unternehmen rät sie, bei der Stellenausschreibung und den Bewerbungsgesprächen auf ein nichtdiskriminierendes Vorgehen zu achten. Unternehmen, die auf Vielfalt setzten, hätten eine gute Performance, schreibt sie. Analog zum «Gender Mainstreaming» sollten Firmen daher ein «Diversity Mainstreaming» vornehmen.

Weiter plädiert die EKR für anonyme Bewerbungsverfahren. Damit würde die erste Hürde des Aussortierens wegen des Namens oder der Herkunft wegfallen, hält die Kommission fest. Soziale Institutionen sollen ihre Anstellungsrichtlinien überprüfen.

Diplome aus Drittländern anerkennen

Die Politik fordert die EKR dazu auf, die Anerkennung von Diplomen aus Drittländern zu fördern und zu vereinheitlichen. Schliesslich spricht sie sich für eine Sensibilisierungskampagne des Bundes aus. Dass hochqualifizierte Personen aus Nicht-EU-Ländern auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt sind, betrachtet die EKR auch als Folge des Personenfreizügigkeitsabkommens mit der EU.

Die Studie der Universität Basel vergleicht die aktuelle Struktur des Schweizer Arbeitsmarktes mit einem Sandwich: In der Mitte befindet sich die Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer, oben Personen aus der EU, unten Ausländerinnen und Ausländer aus Drittstaaten und ärmeren EU-Ländern.

Diese Schichtung trage zu Spannungen in der Gesellschaft bei, die längerfristig problematisch sein könnten, gab EKR-Präsidentin Martine Brunschwig Graf zu bedenken.

(jev/aho/sda)