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Cyberwar: Mit Fliegerkanonen auf Spatzen

Beat Balzli, Chefredaktor der «Handelszeitung»

Die Aufregung um die Beschaffung neuer Kampfflugzeuge steht in keinem Verhältnis zur wahren Bedrohungslage. Die Schweiz wird zwar permanent angegriffen, aber nicht am Boden oder in der Luft, sondern i

Von Beat Balzli
am 22.02.2012

Nie war die Bedrohung des Schweizer Luftraums so real wie heute. Am 24. Mai vergangenen Jahres kam es erneut zu einem ernsthaften Zwischenfall mit einem feindlichen Flugobjekt. Um 17.15 Uhr startete in Zürich eine vollbesetzte Verkehrsmaschine der Swiss in Richtung Polen. Doch LX1352 kam nicht weit. Plötzlich wurde sie angegriffen – von einem Vogel.

Die Aufregung um die Beschaffung neuer Kampfflugzeuge steht derzeit in keinem Verhältnis zur wahren Bedrohungslage. Selbstverständlich braucht ein Land wie die Schweiz eine moderne Luftpolizei, aber die aktuelle Feuerkraft des Feindes wirkt überschaubar. Vielmehr stellt sich die Frage, ob die Verantwortlichen in ihrer Verteidigungsstrategie die richtigen Prioritäten setzen. Die Schweiz wird zwar permanent angegriffen, aber eben nicht am Boden oder in der Luft, sondern im Datennetz.

Im World Wide Web tobt der Cyberwar immer heftiger

Damit steht die Nation nicht alleine da. Im World Wide Web tobt der Cyberwar immer heftiger. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht ein neuer Datendiebstahl oder Hackerangriff auffliegt. Vergangene Weihnachten traf es etwa das amerikanische Sicherheitsunternehmen Stratford. Die Hacker gelangten auch an sensible Daten von Schweizer Kunden, darunter viele Banker und Behördenvertreter.

Bei manchem Verantwortlichen liegen inzwischen die Nerven blank. So griff Robert Bryant, Chef der US-Spionageabwehr, vor wenigen Wochen zu einem aussergewöhnlichen Mittel. Entgegen diplomatischen Gepflogenheiten warf seine Behörde China und Russland ganz offiziell vor, Hackerangriffe auf zahlreiche Einrichtungen des Landes verübt zu haben. Es stehe fest, dass die chinesischen Hacker die «aktivsten und hartnäckigsten Akteure im Bereich Wirtschaftsspionage» seien, hiess es in dem Bericht der Behörde.

Auch hiesigen Experten blieben die Angriffe aus dem digitalen Universum nicht verborgen. «Schweizer Unternehmen sind wegen ihres hohen Technologie-Innovationsgrades attraktive Ziele und sind gut beraten, Vorkehrungen zu treffen», warnte Florian Schütz, Fachbereichsleiter des Security Kompetenz Zentrums beim Rüstungskonzern Ruag, kürzlich in der «Handelszeitung».

Selbst der Chef der Schweizer Armee ortet den Feind nicht mehr im gemeinen Gebüsch. Bereits vor zwei Jahren erklärte André Blattmann den Krieg im Internet zur «aktuell gefährlichsten Bedrohung». Wenn es jemandem gelänge, die Kommunikations- und Stromnetze lahmzulegen, könnten die Systeme der Schweizer Armee nicht mehr eingesetzt werden, sagte er in einem Interview.

Schweiz gilt in der Netzgemeinde als bedingt abwehrbereit

Doch der Warnung folgten bislang keine Taten. Blattmann und Co. haben bis heute nicht gehandelt. Die Schweiz gilt in der Netzgemeinde als bedingt abwehrbereit. Sie stellt dem digitalen Tsunami nicht viel mehr als eine Sandburg entgegen. Auf Bundesebene kümmern sich viel zu wenige Spezialisten um die Folgen der virtuellen Schlacht.

Trotz alarmierender Fakten zu Virusattacken und Hackerangriffen blieben bislang alle Vorstösse für einen Ausbau der Abwehrkapazitäten erfolglos. So muss etwa die Melde- und Analysestelle Informationssicherheit – kurz Melani – seit Jahren mit 6,8 Stellen auskommen. Selbst Freunde schlanker Staatsstrukturen räumen ein, dass das nichts mit Sparsamkeit zu tun hat, sondern mit grobfahrlässiger Ignoranz. Der Bundesrat muss deshalb schnell handeln. Es braucht eine nationale Cyber-Strategie – und entsprechende Ressourcen.

Vorerst schiessen die Verantwortlichen aber lieber mit Fliegerkanonen auf Spatzen. Immerhin gibt es da viel zu tun. Laut Auskunft der Swiss ereignen sich in der Schweiz jährlich zehn bis zwanzig Kollisionen mit Vögeln.

Lesen Sie mehr zum Thema Cyberwar in der neuen Ausgabe der «Handelszeitung», ab Donnerstag am Kiosk.

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