Die Zinsen waren mit einem Viertel Prozent ohnehin schon am unteren Rand des Möglichen – die traditionelle Geldpolitik damit am Ende ihrer Möglichkeiten. Also mussten aggressivere Massnahmen her: Anfang Juni schnürte die Europäischen Zentralbank (EZB) ein riesiges Massnahmenpaket, um die Euro-Wirtschaft anzukurbeln und ein Abgleiten in die Deflation zu verhindern.

Nicht nur sank der Leitzins auf 0,15 Prozent. Banken müssen nun auch einen Strafzins bezahlen, wollen sie ihr Geld bei der EZB parkieren. Darüber hinaus soll eine Geldspritze mit dem Kürzel TLTRO in Höhe von 400 Milliarden Euro die Banken zu einer höheren Kreditvergabe anregen.

Die Frage am Tag vor der nächsten Sitzung am morgigen Donnerstag ist also: Wie haben die Massnahmen der Euro-Währungshüter bislang gewirkt? Und was bedeutet Draghis Coup für die Schweiz?

EZB-Zinssenkung zeigt bereits Wirkung

Erst am Sonntag resümierte EZB-Direktoriumsmitglied Yves Mersch, dass die Zinssenkung ihr Ziel erreicht hätte. Die meisten Zinsen hätten sich im kurzfristigen Bereich nach unten bewegt, sagte der Luxemburger. Diese Einschätzung bestätigt Domagoj Arapovic von Raiffeisen Schweiz: Der Drei-Monats-Libeor habe sich auf 0,17 Prozent sogar halbiert. Das ist ein Signal, dass die Kreditbeziehungen zwischen den Banken in der Euro-Zone reibungsloser funktionieren.

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Der ganz grosse Wurf ist der EZB damit noch nicht gelungen – was auch daran liegt, dass ein Teil der Massnahmen erst ab September zu wirken beginnt. So etwa das grosse Kreditpaket, dass die Darlehensvergabe an die Unternehmen ankurbeln soll. Immerhin, so rechnet die Credit Suisse, werden die Massnahmen «schrittweise zu einer Vereinfachung der Kreditvergabe führen». Dies gilt umso mehr, weil die Nachfrage nach Darlehen vonseiten der Unternehmen «in den kommenden Quartalen wieder anziehen dürfte», heisst es in einer Analyse.

Draghi hat noch einen Pfeil im Köcher

Bei den Fachleuten der Bantleon Bank rechnet man damit, dass die EZB-Massnahmen spätestens Ende September die Stimmung bei Unternehmen und Konsumenten anregen. Dieser Aufschwung sei dann «vor allem mit Blick auf die Investitionsnachfrage vielversprechend». Und sollte die EZB doch nicht den durchschlagenden Erfolg haben, ist man bei Bantleon überzeugt davon, dass die Notenbank nachlegen wird. Der Grund: Ihrer Ansicht nach ist die Deflationsgefahr in der Euro-Zone zu hoch.

Neue Massnahmen dürften auf der morgigen Sitzung zwar noch nicht beschlossen werden. Womöglich gibt es für die Öffentlichkeit dann aber neue Details zu den bereits beschlossenen Massnahmen. Klar scheint, dass Draghi keine Kompromisse eingehen will. Auch vor dem Aufkauf von Unternehmensanleihen schreckt der Italiener nicht zurück, wie er im Juni klarstellte. Das wäre ein weiteres, nach Ansicht vieler Beobachter, wirksames Instrument, um die Zinsen noch lange niedrig zu halten und so die Wirtschaft zu entlasten. 

Normalisierung der Schweizer Geldpolitik verschoben

Die Politik der EZB bleibt nicht folgenlos für die Schweizer Währungshüter: Die SNB möchte eine Aufwertung des Frankens verhindern, deshalb müssen die Zinsen auch hierzulande niedrig bleiben. «Infolge der jüngsten Zinssenkung durch die EZB dürfte sich die Normalisierung der schweizerischen Geldpolitik weiter in die Zukunft verschieben», erwartet Maxime Botteron, Ökonom bei der Credit Suisse. Er rechnet damit, dass die SNB frühestens Ende 2015 offiziell Abschied nehmen wird vom Mindestkurs des Franken zum Euro.

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