1. Home
  2. Konjunktur
  3. Der Mindestkurs ist tot, hoch lebe der Negativzins

Coup
Der Mindestkurs ist tot, hoch lebe der Negativzins

Thomas Jordan knickt vor den Spekulanten ein. Doch wehrlos ist die SNB deswegen nicht. Die Nationalbank wird auch künftig eine sehr expansive Politik verfolgen. Das Werkzeug aber ist ein neues.

Von Mathias Ohanian
am 15.01.2015

Thomas Jordan trat ans Rednerpult. Kurz huschte ein Lächeln über das Gesicht des Präsidenten der Schweizerischen Nationalbank. Es war eines aus Verlegenheit. Vielleicht vermutete er, dass er an diesem 15. Januar den versammelten Medienvertretern nun in einer historischen Causa Rede und Antwort stehen musste. In 20 Jahren könnte in den Ökonomiebüchern stehen: Der 2011 eingeführte Schweizer Mindestkurs zum Euro scheiterte nach dreieinhalb Jahren.

Jordan hätte in der gestrigen Medienkonferenz Vertrauen schaffen können – die Voraussetzung für eine glaubwürdige Politik. Diese Chance hat er weitgehend vertan. Viele Journalisten verliessen die Veranstaltung ähnlich ratlos, wie sie gekommen waren. Ähnlich äusserten sich Ökonomen in Kommentaren. Denn Jordan blieb Antworten schuldig.

Unsinnig, eine «nicht nachhaltige Politik» zu verfolgen

Damit hat er nicht nur Journalisten und Ökonomen enttäuscht. Schwerer wiegt: Immer mehr Schweizer Unternehmer haben im Vertrauen auf den Fortbestand des Mindestkurses in den vergangenen Monaten auf eine Währungsabsicherung verzichtet. Jetzt müssen wohl viele ihre Budgets korrigieren. Zur Erinnerung: Erst am Montag bezeichnete SNB-Vize Jean-Pierre Danthine den Mindestkurs noch als «Eckpfeiler» der Notenbank. Dieser ist nun eingestürzt.

Mehrmals betonte Jordan im Laufe der Medienkonferenz, dass es keinen Sinn mache, eine «nicht nachhaltige Politik» fortzuführen. Da man die Lage nun so beurteile, müsse man sofort reagieren. Die SNB musste die Reissleine ziehen, sozusagen.

SNB beurteilt Lage in der Euro-Zone neu

Journalisten wendeten ein, dass sich seit Dezember so viel nicht getan habe. Dem Zeitpunkt, als die SNB bekannt gab, Negativzinsen einzuführen. Schon damals sei klar gewesen, dass die US-Notenbank Fed die erste Zinsanhebung ins Auge fasse und die Europäische Zentralbank (EZB) ein Programm zum Aufkauf von Staatsanleihen lancieren wolle. Der Dollar habe, so wendete Jordan gestern ein, seit der letzten Lagebeurteilung jedoch noch einmal an Wert gewonnen. Doch auch damit rechneten viele Beobachter bereits vor Monaten.

Womöglich haben die Schweizer Währungshüter die Risiken falsch eingeschätzt. Womöglich wollten sie aber, wie es sich für Notenbanker gehört, ihren Entscheid reiflich durchdenken. Nun rechnet Jordans Mannschaft offenbar damit, dass die EZB angesichts der schwachen Konjunktur über längere Zeit eine sehr aggressive expansive Politik verfolgen wird, vielleicht über mehrere Jahre. Dann wäre «die SNB vermutlich zu anhaltenden Währungskäufen gezwungen gewesen, um die Wechselkursuntergrenze zu sichern», glauben die Ökonomen der Credit Suisse.

SNB hat mit dem Negativzins ein neues Instrument

Eine dritte Möglichkeit könnte sein, dass Jordan mehr weiss, als er preisgab: Etwa, dass die EZB kommende Woche tatsächlich mit einem riesigen Aufkaufprogramm ernst macht – womöglich mehr ankündigt, als Beobachter heute erwarten? Dann hätte die SNB zur Verteidigung des Mindestkurses womöglich alle Register ziehen müssen.

Insofern ist es der SNB zugute zu halten, dass sie offenbar so schnell gehandelt hat, wie es ihr nach besten Wissen und Gewissen möglich war. Und nicht erst in einem Jahr, wenn die Bilanzsumme womöglich noch stärker angeschwollen wäre. Verdoppelt vielleicht, auf über eine Billion Franken? «Wenn die Fakten sich ändern, ändere ich meine Meinung. Und was machen Sie?», formulierte der Jahrhundertökonom John Maynard Keynes einmal. Das scheint die SNB nun getan zu haben.

Negativzinsen ebenfalls umstritten

Zweifellos wird die Schweizer Wirtschaft nun unter dem Entscheid leiden. Die ersten Prognoserevisionen von Ökonomen lassen deutliche Wachstumseinbussen befürchten. Auch die Arbeitslosigkeit könnte im Vollbeschäftigungsparadies Schweiz steigen.

Doch es darf nicht vergessen werden: 2011 bewahrt die SNB mit der Einführung des umstrittenen Mindestkurses viele Schweizer Unternehmer vor der Pleite. Nun davon auszugehen, dass die SNB eine weniger expansive Geldpolitik verfolgen wird, ist falsch. Sie hat mit dem Negativzins lediglich ein neues Werkzeug gewählt – eines, das politisch ebenfalls umstritten ist. Vor allem dann, wenn es zunehmend auch die Schweizer Sparer treffen sollte.

«SNB kann die Zinsen auf minus 5 Prozent senken»

Doch leider ist die Welt selbst sieben Jahre nach Ausbruch der schwersten Finanzkrise unserer Generation nicht perfekt. Und aussergewöhnliche Zeiten erfordern aussergewöhnliche Massnahmen. Heute ist kaum mehr vorstellbar, dass US-Notenbankchef Paul Volcker nach der zweiten Ölkrise den Leitzins Anfang der 80er Jahre auf 20 Prozent hochjazzte.

Nun geht es in die andere Richtung: Gefragt, wie die SNB reagieren solle, wenn der Mindestkurs politisch nicht mehr tragfähig sei, antwortete der renommierte Ökonom Willem Buiter im Interview mit handelszeitung.ch vor wenigen Tagen: Sie könne den Leitzins (das eigentlich gängige Instrument der Geldpolitik im Gegensatz zum Mindestkurs) auf minus 5 Prozent senken. Ausländische Investoren würden so sicher einen Bogen um den Franken machen. Womöglich ist dieses Szenario seit gestern realer, als man es vor kurzem noch glauben mochte.

Anzeige