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Konjunktur

Detailhandels-Expertin: Aldi und Lidl für Wettbewerb befruchtend

Die Detailhandelsexpertin der Credit Suisse kann die Alarmstimmung der Migros nicht nachvollziehen. (Bild: Keystone)

Die Migros rechnet im Zuge des Einkaufstourismus mit einem Aderlass beim Personal. Diese Aufregung kann die CS-Detailhandelsexpertin Nicole Brändle nicht nachvollziehen - vielmehr spricht sie über die

Von Vasilije Mustur (Interview)
am 29.11.2012

«Handelszeitung Online»: Die Migros rechnet damit, dass der Schweizer Detailhandel Stellen streichen muss, sollte sich der Einkaufstourismus in dieser Intensität fortsetzen. Teilen Sie diese Voraussage? 
Nicole Brändle Schlegel: Tatsächlich kommt es besonders in den Grenzregionen aufgrund des Einkaufstourismus zu einem Abbau von Arbeitsplätzen . 

Der orange Riese spricht aber sogar davon, dass bis zu 21'500 Arbeitsplätze in Gefahr sind. Wie glaubwürdig sind diese Berechnungen?
Das Ausmass zu beziffern ist schwierig. Falls sich die Zahlen auf ein einzelnes Jahr beziehen, würde dies zwischen sieben bis acht Prozent der gesamten Beschäftigung im Detailhandel entsprechen, was unseres Erachtens sehr hoch angesetzt ist.

Wie stark leidet der Schweizer Detailhandel unter dem Einkaufstourismus denn effektiv?
Wir rechnen damit, dass dieses Jahr fünf bis sechs Milliarden Franken an Kaufkraft ins Ausland abfliessen. Dies entspricht einer Steigerung von 25 Prozent im Vergleich zum bereits sehr hohen Wert des Vorjahres.  

Und dieser finanzielle Aderlass lässt sich durch die steigende Zuwanderung in der Schweiz aus der EU nicht kompensieren?
Die Schweizer Detailhändler sind gleichermassen Verlierer und Profiteure vom grenzüberschreitenden Einkauf. Sie leiden einerseits unter dem Einkaufstourismus ins Ausland. Andererseits sind Touristen hierzulande wichtige Kunden, so etwa für die Uhren- und Schmuckdetailhändler. Dies zeigt zum Beispiel die seit Jahren überdurchschnittliche Entwicklung der Warengruppe Uhren und Schmuck. Der Detailhandel profitiert zudem wie viele andere Branchen enorm von der Zuwanderung. Wir gehen davon aus, dass diese für einen signifikanten Anteil des Wachstums der Detailhandelsumsätze in den letzten Jahren verantwortlich war. Die Zuwanderung sorgt sozusagen für ein Sockelwachstum im Detailhandel. 

Während dieser Debatte geht jedoch oft vergessen: Der Einkaufstourismus und die Harddiscounter haben dafür gesorgt, dass die beiden Grossverteiler Migros und Coop ihre Preise ebenfalls massiv senken mussten. Damit haben die Schweizer Konsumenten die günstigeren Preise doch Aldi und Lidl zu verdanken. 
Durch den Einkaufstourismus schneiden sich ausländische Anbieter einen Teil des Schweizer Detailhandelskuchens ab. In einem hart umkämpften, gesättigten Markt ist das natürlich für die Schweizer Anbieter unerfreulich. Problematisch ist vor allem, dass die Einkaufstouristen vermutlich oftmals weder Zeit- noch Mobilitätskosten vollständig berücksichtigen, wenn sie sich dazu entscheiden, im Ausland einzukaufen. Der zunehmende Wettbewerb im Inland durch die Eintritte von Aldi und Lidl in den Markt waren für den Schweizer Detailhandel hingegen befruchtend und brachten für die Konsumenten positive Entwicklungen nicht nur im Sinne von sinkenden Preisen mit sich.

Im Zuge der jüngsten Migros-Berechnung tritt einmal mehr der Schweizerische Gewerbeverband auf den Plan. Dieser fordert, dass der Bund das Preisvergleichs-Portal unverzüglich vom Netz nehmen soll, weil dieses den Einkaufstourismus fördere. Können Sie dieses Argument nachvollziehen? 
Preisvergleichsportale erhöhen die Transparenz und sind somit für die Konsumenten nützliche Entscheidungshilfen. Es ist aber fraglich, ob sie eine staatliche Aufgabe sind. Zudem könnte es problematisch sein, wenn bei solchen Vergleichen Zeit- und Mobilitätskosten sowie Qualitäts- und Service-Unterschiede nicht berücksichtigt werden. Diese Überlegungen muss aber jeder Konsument für sich selber anstellen. Die Schweizer Detailhändler müssen die Konsumenten von ihren Stärken überzeugen, seien es zum Beispiel Qualität, Service, Auswahlmöglichkeiten oder Frische.

Wann wird der Einkaufstourismus seinen Höhepunkt erreicht haben?
Mit der Stabilisierung des Wechselkurses wird der Schweizer Detailhandel in Zukunft langsam aber stetig preislich wieder konkurrenzfähiger, da die Inflation im Ausland höher ist als im Inland. Das Einkaufsverhalten ist allerdings träge und reagiert langsam auf neue Begebenheiten. Der Einkaufstourismus dürfte darum 2013 auf hohem Niveau verharren, jedoch nicht weiter ansteigen.

Nicole Brändle Schlegel ist Leiterin Branchenanalysen Schweiz bei der Credit Suisse

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