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Reaktion
«Deutsche Pendler könnten um Job bangen»

Grenze: Beide Seiten sind voneinander abhängig. Keystone

Während die Schweizer Wirtschaft unter dem starken Franken leidet, frohlocken Wettbewerber und Pendler in Deutschland. Doch langfristig ist Freude im grenznahen Ausland unangebracht.

Von Mathias Ohanian
am 02.02.2015

Der Frankenschock verunsichert Schweizer Unternehmer, Prognostiker befürchten sinkende Auslandsaufträge und steigende Arbeitslosenzahlen. Eigentlich eine vorteilhafte Situation für die nahegelegene Konkurrenz im Ausland, könnte man meinen. Doch weit gefehlt: Jenseits des Rheins mehren sich warnende Stimmen. «Allzu grosse Freude wäre kurzsichtig», sagt Claudius Marx, Hauptgeschäftsleiter der Industrie- und Handelskammer (IHK) Hochrhein-Bodensee in Konstanz.

Die schweizerische und die baden-württembergische Wirtschaft seien sehr eng verflochten, die Handelsbilanz nahezu ausgeglichen. «Sinkt die Schweizer Nachfrage, leiden darunter auch unsere Exporteure», sagt der Wirtschaftsexperte. Auf lange Sicht gelte deshalb: «Wenn es der Schweiz gut geht, geht es auch uns gut.»

«Deutsche in der Schweiz könnten um Job bangen»

Insgesamt vier Millionen Menschen leben im Grenzraum zwischen der Schweiz und Deutschland. Das Bundesland Baden-Württemberg hat für den Schweizer Aussenhandel eine ähnlich wichtige Bedeutung wie die USA oder China. Ähnlich gilt das auch umgekehrt. Wer von der aktuellen Entwicklung profitiert, hängt kurzfristig von der jeweiligen Import- beziehungsweise Exportsituation ab.

Marx räumt zwar ein, dass deutsche Exportunternehmen zunächst zu den Gewinnern des SNB-Entscheids gehörten. «Auch die meisten der 40'000 Pendler aus dem südbadischen Raum, die in der Schweiz arbeiten, dürften sich gefreut haben, dass sie jetzt mehr Geld in der Tasche haben.» Doch der Handelsexperte vor zu grosser Freude, die könnte kurzsichtig sein. So seien auch die Reaktionen gemischt: «Die Wirtschaft verträgt so heftige Währungssprünge nicht. Deutsche, die in der Schweiz arbeiten, könnten zunehmend um ihren Job bangen.»

«Schuldendienst wird nun beschwerlicher»

Daneben folgten einige Unternehmen, Kommunen und private Haushalte in Süddeutschland der Verlockung vermeintlich günstiger Schweizer Kredite und verschuldeten sich in Franken. «Mit der stärkeren Schweizer Währung wird der Schuldendienst nun beschwerlicher.»

Die in den vergangenen Wochen oftmals geäusserte Kritik an der Kommunikation der SNB teilt Industrie-und-Handelskammer-Chef Marx nicht: «Die Nationalbank hatte keine andere Möglichkeit. Hätte sie bekannt gegeben, den Mindestkurs aufgeben zu wollen oder ihn schrittweise zu ändern, wäre es sofort zu Spekulationen gegen den Franken gekommen», sagt er.

Mindestkurs als temporäres Mittel

Immer schon sei klar gewesen, dass der Mindestkurs nur als temporäres Instrument gedacht war – als «eine Brücke, die ein anderes Ufer braucht. Kommt es nicht in Sicht, bricht sie früher oder später ab.» Insofern, so Marx, sei man nun in der Realität angelangt, wenn auch «mit einer für unsere Nachbarn harten Landung». Darauf jedoch würden sich nun beide Seiten einstellen.

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