1. Home
  2. Konjunktur
  3. Devisenexperte: Aufgabe der Franken-Untergrenze wäre fatal

Devisenexperte: Aufgabe der Franken-Untergrenze wäre fatal

UBS-Devisenexperte Thomas Flury ist überzeugt: Der SNB stehen harte Zeiten bevor. (Bild: Keystone)

Die Nationalbank musste die Franken-Untergrenze mit Milliarden an Devisenkäufen verteidigen. Nun erläutert der UBS-Devisenspezialist Thomas Flury im Interview, weshalb er seinem ehemaligen Chef Oswald

Von Vasilije Mustur (Interview)
am 07.06.2012

«Handelszeitung Online»: Herr Flury, die Schweizerische Nationalbank musste im Mai gegen 66 Milliarden Franken in die Waagschale werfen, um die Franken-Untergrenze zu verteidigen. Welche Schlüsse ziehen Sie aus dieser Intervention?
Thomas Flury: Die Kursuntergrenze der Nationalbank wurde ein erstes Mal ernsthaft getestet und hat gehalten. Sie hat die Franken-Untergrenze gegen sämtliche Angreifer mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln verteidigt. 

Wie wahrscheinlich ist es, dass eine koordinierte Attacke von Hedgefonds auf die Franken-Untergrenze die Nationalbank zum Handeln zwang?
Die Flucht in den Schweizer Franken erfolgte aus verschiedenen Richtungen. Verängstigte Anleger, seriöse Investoren, Pensionskassen aber auch Hedgefonds haben Milliarden an Schweizer Franken gekauft. 

Rechnen Sie in naher Zukunft damit, dass die Nationalbank unter der Führung von Präsident Thomas Jordan die Franken-Untergrenze ein weiteres Mal mit Devisenkäufen verteidigen muss? 
Davon müssen wir ausgehen, denn der Schweiz und Europa stehen schwierige Zeiten bevor. Spanien steckt mitten in einer Wirtschafts- und Bankenkrise. Ausserdem führen die Sorgen um einen Austritt Griechenlands aus der Eurozone an den Börsenmärkten für Unsicherheit. Darüber hinaus gelten gewisse Staatsanleihen nicht mehr als sicherer Anlagewert. Die Suche nach Sicherheiten führt die Anleger in den Franken und anderen Investitionsmöglichkeiten. Es bleibt allerdings zu hoffen, dass Investoren und Anleger jetzt erkennen, dass die Flucht in grössere Währungsregionen weit mehr Erfolg verspricht, als Schweizer Franken zu kaufen. 

Hat diese Erkenntnis bereits eingesetzt?
Teilweise ja. Investoren und Anleger sind dazu übergegangen, in britische Pfund, kanadische Dollar oder auch den US-Dollar zu investieren. 

Der ehemalige UBS-Chef Oswald Grübel und der Wirtschaftsprofessor Martin Janssen fordern die Aufgabe der Franken-Untergrenze. Was halten Sie davon?
Im Rahmen der vorherrschenden Unsicherheiten könnte diese Massnahme heute fatale Folgen haben und Tausende von Arbeitsplätzen in Industrie und Tourismus gefährden. Die Einführung der Wechselkursuntergrenze hat die Wechselkurserwartungen deutlich stabilisiert und damit den Unternehmen ermöglicht, ihre Investitionen zu planen - trotz turbulenten Zeiten in Europa.

Wie kommt die Idee eines schrittweisen Ausstiegs bei Ihnen an? China praktiziert diese Crawling Peg ja bereits erfolgreich.
Ein Crawling Peg, also ein bewegliches Kursziel, stellt in gewissen Situationen eine Option dar. 

Wie sähe dieses Ausstiegsszenario denn aus?
Eine langsame aber systematische Aufwertung des Schweizer Frankens. Will heissen: Monat für Monat könnte die Nationalbank die Kursuntergrenze von 1.20 schrittweise reduzieren. Dies wäre eine Option, wenn die Inflation in der Schweiz trotz anhaltenden Turbulenzen in Europa ansteigen sollte.

Thomas Flury ist Leiter der Devisenstrategie im UBS Wealth Managment.

Anzeige