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Geld
Die Frankengrenze ist faktisch passé

Kunstinstallation vor dem SNB-Sitz in Zürich: Der Kampf der SNB gegen den schwachen Euro scheint beendet. (Bild: Keystone)

Das umstrittenste geldpolitische Thema ist keines mehr: Die Nationalbank lässt dem Franken freien Lauf. Die Frankenuntergrenze ist damit faktisch Geschichte – auch wenn die SNB das nicht kommuniziert.

Von Mathias Ohanian
am 07.01.2014

Nicht vielen war im August 2012 sofort klar, welche Tragweite Mario Draghis Rede haben würde. Der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) bekannte sich in London erstmals mit unmissverständlicher Klarheit zur Gemeinschaftswährung: Die Formulierung «whatever it takes» ist inzwischen berüchtigt. Die globalen Finanzmärkte glaubten dem Italiener, dass er den Euro verteidigen würde – egal zu welchem Preis.  Seit diesem Zeitpunkt hat sich die schwere Krise in Europa massiv abgeschwächt und mit ihr das Spannungsfeld, in dem sich die Schweizer Währungshüter bewegen.

Es ist kein Zufall, dass die Schweizerische Nationalbank ausgerechnet seit dem Frühherbst 2012 nicht mehr Euros kaufen muss, um den Franken zu schwächen und so die ein Jahr zuvor selbst gezogene Währungsgrenze zu verteidigen. Und wie heute veröffentlichte Daten zeigen, lagen die Devisenreserven der Institution im gerade ausgelaufenen Dezember mit 435,2 Milliarden Franken einmal mehr in etwa auf dem Niveau des Vormonats – und nur unmerklich über dem Niveau des Vorjahres. Heute verwaltet die SNB diesen Bestand nur noch: Die eingekauften Euros werden gegen andere Währungen zur besseren Streuung des Portfolios eingetauscht.

Weniger Fremdwährungen bei der SNB

In der Tendenz sank der Wert der gehaltenen Fremdwährungen in den vergangenen Monaten wegen der schwächeren Börsenentwicklungen sogar leicht. Der vorläufige Höhepunkt an Fremdwährungsdevisen wurde im Frühjahr vergangenen Jahres erreicht.

 

Zum Vergleich: Noch im Jahr 2012 mussten die Notenbanker – vor allem weil sich die Krise der Euro-Zone im Frühjahr verschlimmert hatte – noch rund 188 Milliarden am Markt einkaufen, um die Kursgrenze von 1.20 Franken zu halten. 

Mittlerweile hat sich die Lage stabilisiert. Renommierte Fachleute gewinnen an Zuversicht: Willem Buiter, Chefökonom der Citigroup und langjähriger Professor an der Londoner Eliteuni LSE, rechnet damit, dass die Weltwirtschaft nach Jahren schwacher Erholung 2014 in eine neue Phase mit mehr Wachstum eintritt. Nouriel Roubini, sonst eher für apokalyptische Vorhersagen berühmt, glaubt, dass sogenannte Tail-Risiken – also Schocks mit grossen Auswirkungen, aber geringer Wahrscheinlichkeit – 2014 weniger bedeutsam sein werden.

Für SNB stellt sich die Frage nach dem Ausstieg

Selbst für die Euro-Zone bessert sich das Bild: Der Währungsraum kämpfte sich bereits im Herbst aus der langen Rezession. In den Südländern wie Spanien und Italien geht es langsam wieder aufwärts. Auch Griechenland schöpft etwas Hoffnung und will sich ab Ende des Jahres wieder an die Kapitalmärkte wagen. Zudem tragen die strukturellen Reformen erste Früchte: «Die Wettbewerbsfähigkeit wächst, die Haushaltsdefizite sinken in den meisten Ländern», sagt Alexander Koch, Ökonom bei der Raiffeisen in Zürich.

Entsprechend rechnen Fachleute nicht mit weiteren Euro-Zukäufen der SNB. Im Gegenteil: «In diesem Jahr könnten sich die Devisenmärkte allmählich die Frage stellen, wann die SNB damit beginnt, ihre Devisenreserven zu veräussern», sagt Ursina Kubli, Währungsexpertin bei der Bank J. Safra Sarasin. «Schliesslich stellen die hohen Devisenreserven ein beachtliches Bilanzrisiko für die SNB dar.» Sie rechnet ähnlich wie andere Fachleute damit, dass die Notenbank ab Ende des Jahres allmählich mit der Veräusserung beginnt. De facto bedeutet diese Prognose: Für die Schweizer Nationalbank ist der Verteidigungskampf des Frankens beendet. Sie wird aller Voraussicht nach nicht mehr intervenieren müssen, um die Frankengrenze einzuhalten. Diese Vorhersage hatten im Sommer bereits einige Experten gewagt.

SNB hält dennoch an ihrer Rhetorik fest

Die Notenbanker selbst wollen davon bislang jedoch nichts wissen. Öffentlich betont SNB-Chef Thomas Jordan weiterhin die Wichtigkeit der Währungsgrenze für die Schweizer Wirtschaft – und argumentiert vor allem damit, dass der Franken angeblich noch immer überbewertet sei. Auch die Aussagen der SNB zur Konjunktur bleiben im Gegensatz zu einigen optimistischen Bank-Prognosen eher verhalten. Dabei könnte die Schweizer Wirtschaft Vorhersagen zufolge in diesem Jahr um bis zu 2,5 Prozent wachsen. Auch der Arbeitsmarkt zieht womöglich stärker an.

Dass die SNB an ihrer Rhetorik der vergangenen Monate festhält, ist nicht verwunderlich: Sie unternahm im September 2011 grosse Anstrengungen bei der Einführung der Kursgrenze – und leistet seitdem ununterbrochen verbale Überzeugungsarbeit. Die so geschaffene Glaubwürdigkeit ist mit Blick auf die langfristige Geldpolitik viel wert, nicht zuletzt weil die Schweizer Industriefirmen für die Zukunft dadurch geringere Wechselkursschwankungen befürchten müssen und besser planen können.

Daneben ist die Vorsicht der SNB auch mit Blick auf die abflauende Euro-Krise verständlich. Heute scheint dort das Schlimmste zwar durchgestanden. Doch politische Risiken angesichts hoher Arbeitslosenzahlen bleiben. Ein plötzliches Aufbrechen der Krise – so unwahrscheinlich dieses Szenario Experten derzeit erscheinen mag – könnte SNB-Chef Jordan und seine Mannschaft durchaus noch einmal auf den Plan rufen. Dann wäre es freilich besser, wenn man nicht neuerlich eine Kursgrenze einziehen müsste.

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