Vergangene Woche erklärte der britische Premier David Cameron, er wolle die Zuwanderung aus der EU beschränken und Kontingente für Rumänen und Bulgaren einführen. Das schwächt Ihre Position im Abstimmungskampf gegen die Massen­einwanderungsinitiative der SVP.
Boris Zürcher: Nein, das glaube ich nicht. Grossbritannien hatte immer schon ein ambivalentes Verhältnis zu Europa. Ich rechne deswegen innerhalb der EU mit keiner generellen Abkehr von der Personenfreizügigkeit.

Was Cameron sagt, ähnelt stark den ­Forderungen der SVP.
Grossbritannien hatte wie die Schweiz eine starke Zuwanderung. Unter diesen Voraussetzungen kommen Diskussionen über die Höhe der Sozialleistungen, der Arbeitslosengelder und die Rentenbezüge für die Zuwanderer auf. Das ist normal. An der Haltung der EU dürfte das aber nichts ändern. Die Personenfrei­zügigkeit ist ja eine der vier konstituie­renden Freiheiten des Binnenmarkts. Die ­EU-Kommissare Viviane Reding und Laszlo Andor haben übrigens eine Spezialbehandlung Grossbritanniens ausgeschlossen.

Die Schweiz wächst wegen der Personenfreizügigkeit jährlich um die Stadt St.Gallen. Dass dies auf lange Sicht nicht verkraftbar ist, dürfte man in Brüsssel verstehen.
Wird die Personenfreizügigkeit ausser Kraft gesetzt, gelten auch die Bilateralen nicht mehr. So steht es in den Verträgen. Die Wirtschaft muss sich aber auf Rechtssicherheit und Kontinuität gerade in den Aussenbeziehungen der Schweiz verlassen können.

Sie gehen also davon aus, dass die Guillotine-Klausel bei einer Annahme der Masseneinwanderungsinitiative in Kraft tritt?
Ohne Zweifel, ja. Die Schweiz hat dabei viel zu verlieren: Dank den Bilate­ralen erhalten die Firmen Zugang zum ­EU-Binnenmarkt mit einer halben Milli­arde potenzieller Konsumenten. Und auch wir Schweizer können in die EU arbeiten gehen.

Halten denn Sie selbst es für verkraftbar, dass jährlich gegen 70 000 Personen in die Schweiz einwandern?
Keine Frage, die Zahl scheint gross und ich verstehe, dass sie Besorgnis auslöst. Man muss aber auch sehen: Die Zuwanderung aus der EU/EFTA richtet sich nach der Nachfrage der Wirtschaft, und die hat in den vergangenen Jahren stark ­abgenommen. 2008, auf dem Höhepunkt, wanderten netto 75 000 Personen aus der EU/EFTA ein. Letztes Jahr waren es noch 58 000. Das entspricht einem Rückgang um rund einen Viertel.

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Ursprünglich rechnete der Bund bloss mit 10000 Zuwanderern pro Jahr. Weshalb hat man sich so verschätzt?
Die Prognose, die man 2004 vor der Einführung der Personenfreizügigkeit anstellte, wurde unter dem Eindruck der 1990er-Jahre erstellt. Damals betrachteten viele die Schweiz als eine absteigende Volkswirtschaft. Heute liegt die Schweiz in allen Rankings punkto Wettbewerbsfähigkeit zuvorderst. Dank einer umsichtigen Wirtschaftspolitik und guten Rahmen­bedingungen ist es uns gelungen, Wertschöpfung und Talente in die Schweiz zu holen und damit Beschäftigung und Einkommen zu schaffen. Viele Länder, welche Ende der 1990er-­Jahre punkto Wettbewerbsfähigkeit und Standortattraktivität noch vor der Schweiz lagen, sind dagegen durch die Finanzkrise zurückgeworfen worden. Das hat vor zehn Jahren niemand so erwartet.

Trotzdem bewerten viele Einheimische die Zuwanderung als negativ. Profitiert die breite Bevölkerung von ihr zu wenig?
Die volkswirtschaftliche Wertschöpfung der Schweiz ist in den letzten zehn Jahren jährlich um knapp 1 Prozent pro Kopf gewachsen. Das rasche Wachstum führte aber unweigerlich auch zu ­einem rasanten Strukturwandel, der uns vor grosse Herausforderungen stellt. Diese betreffen nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Infrastruktur, die Mentalität, die Orts- und Landschaftsbilder und ganz allgemein die Gesellschaft. Vielleicht hat man darauf in den vergangenen Jahren zu wenig Rücksicht genommen und zu wenig investiert, etwa in den Wohnungsbau oder die Verkehrsinfrastruktur. Das müssen wir jetzt nachholen.

Wie stark bekommen die Bürger die Konkurrenz durch ausländische Arbeitskräfte zu spüren?
Die Zahlen sprechen hier eine klare Sprache: Wir haben eine tiefe Arbeitslosigkeit, eine hohe Beschäftigung und ein Lohnniveau, das zu den höchsten der Welt gehört. Interessant scheint mir, dass die Zuwanderungsdebatte sich heute vorwiegend auf überfüllte Züge, verstopfte Stras­sen und hohe Immobilienpreise kon­zentriert und weniger intensiv über den ­Arbeitsmarkt geführt wird.

In welchen Segmenten ist ein Lohndruck spürbar?
Wir haben kein Indiz dafür, dass es einen generellen Lohndruck gibt. Die flankierenden Massnahmen verhindern, dass weniger gut qualifizierte Arbeitskräfte zu den Verlierern gehören. Das sieht man auch in der Lohnverteilung: Die Löhne am unteren Rand sind fast genauso schnell gewachsen wie im oberen Segment. Leicht weniger stark zugenommen haben die Löhne im mittleren Segment. Insgesamt waren die Lohnzuwächse aber sehr gleichmässig verteilt.

Heute wandern mehr Portugiesen ein als hoch qualifizierte Deutsche. Kommen überhaupt noch Leute in die Schweiz, ­welche die Wirtschaft braucht?
Es stimmt, dass mehr Südländer kommen. Heute ist ein grosser Teil dieser Zuwanderer aber ebenfalls gut ausgebildet. Mit dem früheren System der Kontingente und dem Saisonnierstatut kamen deutlich mehr Arbeitskräfte ohne sekundäre oder tertiäre Ausbildung ins Land als heute.

Economiesuisse-Präsident Heinz Karrer regt an, Firmen sollten mehr Frauen statt Ausländer einstellen, um das Arbeitskräftepotenzial im Inland besser auszunutzen. Liesse sich so die Zuwanderung verringern?
Es besteht tatsächlich die Gefahr, dass die inländischen Arbeitskräfte durch die leichte Verfügbarkeit ausländischer Arbeitskräfte vernachlässigt werden. Der Bundesrat hat aus diesem Grund die Fachkräfteinitiative lanciert, mit dem Ziel, unter anderem auch gut ausgebildete Frauen besser in den Arbeitsprozess zu integrieren. Solche Massnahmen werden die ­Zuwanderung jedoch nicht völlig ersetzen können. Aufgrund unserer hohen Erwerbsquote ist quantitativ nicht mehr viel zu holen: Zwar kann bei den Frauen noch das Arbeitsvolumen gesteigert werden, vier von fünf Erwerbsfähigen sind aber heute schon erwerbstätig.

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Sehen Sie andere Wege, um die Zuwanderung zu bremsen?
Wir können erstens künstlich eine Rezession produzieren, indem wir die Standortattraktivität der Schweiz verschlechtern. Dies wäre etwa der Fall, wenn die Zuwanderungs­initiativen oder die Mindestlohninitiative durchkämen. Als zweiter Weg kommen Strukturreformen in Frage, welche die Nachfrage nach ­Arbeitskräften verringern, vor allem in den personalintensiven Dienstleistungsbereichen. Das wären allerdings Mass­nahmen, welche ziemlich radikale Einschnitte verlangen würden und bei denen ich nicht sicher bin, ob wir das wirklich wollen. Ich gehe aber davon aus, dass sich die Situation in der EU normalisieren und sich die Attraktivität der Schweiz gegenüber den umliegenden Ländern verringern wird.