Die Schweiz gehört erneut zu den wettbewerbsfähigsten Ländern der Welt, wird nur von Hongkong geschlagen. Bei der Infrastruktur landet man gar auf Platz eins. Was hat sich in den vergangenen zwölf Monaten verbessert?
Zunächst einmal hat die Schweiz von der negativen Entwicklung in den USA profitiert, die an Boden verloren hat: Lange hatte das Land die beste physische Infrastruktur der Welt, doch mittlerweile ist sie veraltet. Verbessert hat sich die Schweiz mit Blick auf die digitale Infrastruktur: Sie ist etwa die Nummer eins bei Eigentumsrechten und gibt gemessen am Bruttoinlandprodukt am meisten Geld für Forschung und Entwicklung aus.

Deutlich schlechter schneidet die Schweiz bei der wirtschaftlichen Performance ab. Platz 15 ist eher enttäuschend. Wiegt der Frankenschock noch immer schwer?
Definitiv. Die Schweiz ist ein teures Land mit einer sehr teuren Währung. Das spiegelt sich in den ausländischen Investitionen, die massiv weniger ins Land strömen als früher. Hier ist die Schweiz im Vergleich zum Vorjahr um fast 50 Plätze auf Rang 62 abgerutscht.

Sehen Sie Zeichen der Erholung?
Auf jeden Fall. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass die Schweiz sehr widerstandsfähig ist. Etwa Anfang 2015, als der schon starke Franken schlagartig aufwertete. Die Schweizer Exportfirmen sind sehr agil und gut gerüstet für Veränderungen am Weltmarkt, davon profitiert die gesamte Wirtschaft. Damit ist das Land in gewisser Weisse einzigartig: Die Privatwirtschaft schiebt die Konjunktur an, der öffentliche Sektor gibt hingegen lediglich die Rahmenbedingungen vor. In den meisten Ländern der Welt ist dagegen der Staat tonangebend.

Wie gefährlich sind die protektionistischen Kräfte eines Donald Trump für die Schweiz?
Kurzfristig hat die trumpsche Politik den Aktienmarkt beflügelt. Aber langfristig wird es sehr gefährlich, sollten sich Trumps Pläne materialisieren. Die Schweiz wäre viel stärker als andere Länder betroffen. Dies aus zwei Gründen: Trump will Industrieimporte aus dem Ausland durch inländische Produktion ersetzen, das würde vor allem die Schweiz belasten. Und zudem ist die Schweiz als kleine, offene Volkswirtschaft viel stärker von ihren Exporten abhängig als andere Länder.

Was sind die grössten Herausforderungen in diesem Jahr?
Erstens muss die ganze Welt neue Quellen des Wachstums finden. Das gilt auch für die Schweiz, wo die gesamtwirtschaftliche Produktion in den vergangenen Jahren kaum noch gewachsen ist. Vor allem gilt das mit Blick auf das Pro-Kopf-Einkommen. Denn der technologische Wandel erreicht seinen Höhepunkt und sorgt kaum für neues Wachstum. Viele Experten rechnen mit Nullwachstum in den kommenden Jahren. Denn Roboterisierung und Automatisierung sorgen zwar für Effizienzgewinne, aber die Produktivität von Arbeit wächst deshalb nicht.

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Zweitens?
Das Schweizer Bildungssystem muss noch besser für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts präpariert werden. Zwar ist die digitale Infrastruktur in der Schweiz grossartig, aber das gilt nicht für das digitale Wissen. Unternehmen wie Novartis, Nestlé oder ABB mögen gut gerüstet sein, aber die Schweiz muss die digitale Revolution noch viel stärker annehmen.

Was braucht es konkret?
Die Anforderungen an die Menschen werden in Zukunft ganz andere sein: Die Schweiz sollte keine Banker mehr ausbilden, sondern Designer und Künstler. Nehmen Sie die amerikanischen Hightech-Firmen wie Google oder Facebook: Kreativität gehört dort heute schon zu den wichtigsten Eigenschaften von Mitarbeitern. Gemäss Industrieländerorganisation OECD wird es 12 Prozent der heute noch existierenden Jobs in den nächsten fünf Jahren nicht mehr geben.

Und das gilt auch für die Schweizer Banker?
Zu einem grossen Teil: ja.

Und wer bezahlt die Künstler, von denen Sie sprechen?
Verstehen Sie mich richtig: Natürlich braucht es auch in Zukunft Banker. Doch die Zahl wird wegen der Automatisierung der Branche deutlich schrumpfen und die Schweiz muss sich darauf einstellen. Kreativität hingegen wird viel wichtiger, als sich das viele Menschen heute noch vorstellen können.

Wo hat die Schweiz weiterhin Aufholbedarf?
Sie muss den Wettbewerb im Binnensektor ankurbeln, um die Produktivität zu steigern. In vielen Bereichen reguliert und subventioniert der Staat viel zu stark, etwa im Bereich der medizinischen Dienstleistungen. Oder nehmen Sie den Kreuzzug gegen den Fahrdienst Uber: Die heimischen Taxi-Firmen zu schützen, ist rückständig und führt uns nicht in die Zukunft. Industrien müssen verschwinden, damit Wandel stattfinden kann.

Einen grossen Wandel machen Sie in Fernost aus: China springt in Ihrem Ranking sieben Plätze nach oben auf Rang 18. Was macht das Land richtig?
China hat sehr wichtige wirtschaftsfreundliche Reformen hinter sich, die zur Öffnung des Landes beigetragen und die Produktivität erhöht haben. Peking hat die Korruption bekämpft und den Einfluss des öffentlichen Sektors verringert. Aber natürlich steht noch viel Arbeit an, zum Beispiel muss sich auf der Finanzplatz dem Westen öffnen.

Steht künftig China statt den USA für eine freie Wirtschaft?
Was in den USA passiert, ist höchst beunruhigend. Doch noch ist nicht ausgemacht, dass Trumps Protektionismus tatsächlich die Oberhand gewinnt.

* Arturo Bris ist Ökonomieprofessor und Direktor des World Competitiveness Center am renommierten IMD in Lausanne. Die Business School gehört gemäss Ranking der «Financial Times» zu den besten der Welt.  

 

 

 

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