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Europas Krise gefährdet aufs Neue Schweizer Stabilität

SNB in Bern: «Wer sich verstecken will, setzt am besten auf den Franken.» Keystone

Finanzkrise, Griechenland-Chaos, Europanik: Seit Jahren kämpft die Nationalbank gegen die Frankenstärke. Einmal mehr erschwert nun eine fremde Krise das Wirtschaften in der Schweiz.

Von Gabriel Knupfer
am 07.06.2016

Der Ausbruch der globalen Finanzkrise liegt acht Jahre zurück – und doch kämpft die Schweizer Wirtschaft noch mit ihren Spätfolgen. Die kommen in Schüben. Einmal mehr am 23. Juni – sollten sich die Briten für einen Austritt aus der Europäischen Union (EU) entscheiden. Die Wirtschaft müsste mit einer neuerlichen Aufwertung des Frankens rechnen – mit den bekannten Problemen für die Schweizer Exporteure.

Einmal mehr drohe nun eine fremde Krise den Schweizern das Leben schwerer zu machen, schreibt die Wirtschaftsagentur Bloomberg. Wie so oft in den vergangenen Jahren: Anfang 2015 brachte die Politik der Europäischen Zentralbank (EZB) als Reaktion auf die Euro-Krise die Nationalbank (SNB) in Not. Seit dem Ende des Mindestkurses kämpft sie gegen eine Währungsaufwertung. Mit Interventionen auf dem Devisenmarkt und Zinssenkungen gelang es, den Franken wieder auf einen Kurs von über 1.10 Franken zu heben. Die Stimmung in der Schweizer Industrie hat sich so in den letzten Monaten merklich verbessert.

Angst vor «Ansteckung»

Kurz vor der Abstimmung in Grossbritannien ist der Preis zur Absicherung des Frankens gegen einen Kursanstieg heute so hoch wie zuletzt vor elf Monaten. Besonders kritisch: Im Falle eines Brexit könnten andere Staaten von der EU-Skepsis angesteckt werden. Das betont auch UBS-Ökonom Alessandro Bee in einem Marktkommentar. «Weitreichend», nennt er die Folgen, sollte der Austritt der Briten in anderen Staaten der EU – oder gar in der Eurozone – ähnliche politische Vorstösse mehrheitsfähig werden lassen.

Tatsächlich wächst die Abneigung der Europäer gegenüber der EU. Nur noch jeder zweite Deutsche hat eine positive Meinung von der Union, zeigt eine heute publizierte Umfrage des in Washington ansässigen Pew Research Center. Das sind 8 Prozentpunkte weniger als noch im Vorjahr. In Frankreich sank die Zustimmung sogar um 17 Punkte auf 38 Prozent. Nur im krisengeplagten Griechenland ist das Missfallen noch höher.

Bevorzugte Fluchtwährung

Doch schon die blosse Möglichkeit eines Brexit kann die Finanzmärkte in den Wochen vor der Abstimmung beeinflussen. Die Unsicherheit über den Ausgang des Urnengangs könne die Risikoaversion an den Finanzmärkten ansteigen lassen, so UBS-Mann Bee. Das würde den Franken steigen lassen. «In den nächsten drei Wochen wird der Frankenkurs nicht von der SNB bestimmt», glaubt auch HSBC-Stratege David Bloom. «Wer sich mit einem Stahlhelm auf dem Kopf unter dem Bett verstecken will, setzt am besten auf den Franken.»

Immer wieder war der Franken war in den vergangenen Jahren die bevorzugte Fluchtwährung in Krisenzeiten. Während der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise gewann der Franken zwischen 2007 und 2011 mehr als 50 Prozent zum Euro – bis die SNB dem problematischen Anstieg mit dem Mindestkurs einen Riegel schob. Laut Bloom könnte der Franken im Fall des Brexit auf einen Kurs von 1.02 steigen. Ein zweiter Frankenschock wäre damit Tatsache.

Etwas optimistischer ist UBS-Ökonom Bee. «Die SNB würde sich einer Frankenaufwertung entgegenstellen», ist er überzeugt. In einem ersten Schritt würde sie die Marke von 1.07 mit «signifikanten Devisenmarktinterventionen» verteidigen. Eine zweite Verteidigungslinie sieht Bee bei 1.05 Franken pro Euro. Hier würde die SNB «wohl auch vor einer weiteren Zinssenkung nicht haltmachen». Nur falls sich die Stimmungsindikatoren in ganz Europa abschwächen würden, wäre auch die SNB «weitgehend machtlos», glaubt Bee.

Art und Weise entscheidend

Laut Bee wäre vor allem die Art und Weise des Brexit entscheidend. «Sobald sich abzeichnet, dass trotz eines Austritts eine Annäherung in Handelsfragen zustande kommt und das in der EU die Zentrifugalkräfte nicht die Oberhand gewinnen, sollte die Unsicherheit wieder abnehmen.» Denkbar wäre aber auch eine unschöne Trennung mit weitergehenden politischen Turbulenzen.

Im schlimmsten Fall würde auch die europäische Realwirtschaft leiden und die EZB müsste eine noch expansivere Geldpolitik betreiben, so Bee. «Damit dürfte auch der Aufwärtsdruck auf den Franken länger anhalten und die Perspektiven der Exportwirtschaft dürften sich über einen längeren Zeitraum eintrüben.»

Gigantische Devisenreserven

Doch es ist nicht nur die Exportwirtschaft, die den Brexit fürchten muss. Die SNB hat durch ihre Interventionen enorme Devisenreserven angehäuft. Allein im Mai legten sie um weitere 14 Milliarden Franken zu und notieren heute bei über 602 Milliarden Franken. Würde der Wert dieser ausländischen Währungen fallen, wäre das für die SNB sehr schmerzhaft.

Die SNB sei auf einen möglichen Brexit vorbereitet, sagte Vizepräsident Fritz Zurbrügg kürzlich in einem Interview mit der «Basler Zeitung». Er bekräftige, dass die Notenbank bei Bedarf auch in Zukunft am Devisenmarkt intervenieren werde. Zudem schloss er auch eine weitere Senkung des Leitzinses, der aktuell bei minus 0,75 Prozent liegt, nicht aus. Aus Sicht der SNB sei der Franken noch immer deutlich überbewertet, sagte Zurbrügg. Dies, obwohl die Brexit-Turbulenzen noch nicht einmal richtig begonnen haben.

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