Thomas Jordan dürfte entspannte Tage hinter sich haben: Der Präsident der Schweizerischen Nationalbank (SNB) konnte in den vergangenen Tagen mitansehen, wie der Euro-Kurs kontinuierlich auf 1,25 Franken anstieg.

In Anbetracht des erfreulichen Kursverlaufs stellt sich derzeit die Frage: Ist die Eurokrise ausgestanden? Und können die Schweizer Währungshüter die festgelegte Franken-Untergrenze von 1,20 Franken jetzt aufheben?

Untergrenze könnte erneut unter Druck geraten

«Mitnichten», sagt Peter Bernholz. Der emeritierte Wirtschaftsprofessor der Universität Basel hält die Forderungen nach einer Aufhebung der Franken-Untergrenze für verfrüht - zumal die globale Schuldenkrise in seinen Augen längst nicht ausgestanden sei. «Weder die Euro- noch die US-Finanzkrise ist vom Tisch». 

Zudem «besteht durchaus die Möglichkeit, dass die Marktteilnehmer die gegenwärtige Situation zu optimistisch beurteilen», erklärt der Währungsexperte. Damit aber nicht genug: Der Wirtschaftsprofessor kann nicht ausschliessen, dass der Franken-Euro-Kurs von den Marktteilnehmern in absehbarer Zeit erneut getestet wird und die Marke dadurch erneut unter 1,20 Franken fallen könnte. 

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Minsch: Kurs von 1.35 wäre angemessen

Sukkurs in dieser Frage erhält Bernholz indes von Rudolf Minsch. «Zwar haben positive Nachrichten in jüngster Vergangenheit für eine Teilrückkehr des Vertrauens in die Eurozone gesorgt», sagt der Chefökonom von Economiesuisse im Gespräch mit «Handelszeitung Online». Aber schlechte Nachrichten, etwa aus Spanien oder Portugal, «könnten jederzeit für erneuten Vertrauensverlust sorgen».

Ganz abgesehen davon sieht Minsch den Franken noch nicht auf dem Niveau, wo Kaufkraftparität herrschen würde. «Diese liegt je nach Daten irgendwo zwischen 1,27 und 1,42 Franken.» Er selbst hält einen Kurs von 1,35 Franken für angemessen.

Darüber hinaus ist Minsch davon überzeugt: Auch wenn für die Schweiz der Wechselkurs des Franken zum Euro eine wichtige Rolle spielt und die Intervention der SNB bislang erfolgreich verlief, werde «der Einfluss der Nationalbank» überschätzt. Für das Schicksal des Euro oder einzelner Eurostaaten sei das Vertrauen der Märkte viel wichtiger als die Schweizer Interventionen.

Untergrenze nicht «offiziell» aufheben

Derweil bestätigen beide Ökonomen, dass die Nationalbank die Diversifizierung auf andere Währungen fortführen wird. «Sie haben bereits angefangen, südkoreanische Won und japanische Yen anzukaufen», meint Bernholz.

Überdies hält es Peter Bernholz für durchaus denkbar, dass die Franken-Untergrenze seitens der Schweizerischen Nationalbank nicht «offiziell» aufgehoben werden muss. «Diese Vorgehensweise kennen wir aus den 1970er- Jahren».