Noch vor wenigen Wochen hegten viele Unternehmenslenker die Hoffnung auf einen schwächeren Franken. Der Glaube an bessere Geschäfte wuchs. Heute jedoch ist die Schweizer Währung wieder so stark wie zuletzt Ende Januar – also kurz nach dem Entscheid der Nationalbank, den Mindestkurs aufzuheben. Ein Euro kostet nur noch etwas mehr als einen Franken. Die bange Frage steht plötzlich wieder zentral im Raum: Wie steht es um die Schweizer Exporteure, die ihre Produkte in der ganzen Welt verkaufen und so wichtig für die Gesamtwirtschaft sind?

Die Berner Fachhochschule hat nun in Zusammenarbeit mit dem global tätigten Kreditversicherer Euler Hermes die gegenwärtigen Risiken der Schweizer Ausfuhrwirtschaft untersucht. Dafür werteten die Berner Wissenschaftler um Paul Ammann die Antworten von fast 360 Schweizer Unternehmen aus, die teilweise fast voll für den Weltmarkt produzieren.

Ausstehende Zahlungen aus Exportgeschäft

Die gesammelten Ergebnisse sollen der Exportwirtschaft ihre Herausforderungen und Risiken vor Augen führen und Firmenlenkern aufzeigen, wie die Konkurrenz die Lage einschätzt. Die Umfrage wurde in den Wochen nach dem SNB-Entscheid vom 15. Januar durchgeführt, als der Franken ähnlich stark wie heute war. Die Daten liegen handelszeitung.ch exklusiv vorab vor.

Und die Auswertung macht klar: Die Schweizer Exportbranche leidet unter dem gestiegenen Franken. Mit 56 Prozent gab über die Hälfte der befragten Unternehmen an, schon Aufträge wegen der aktuellen Währungssituation verloren zu haben. Jedes vierte Schweizer Unternehmen hat demnach ausstehende Zahlungen aus dem Exportgeschäft.

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Existenzielles Risiko

«Es kann besonders für kleine und mittlere Unternehmen ein existenzielles Risiko darstellen, wenn ausländische Kunden ihren Verpflichtungen nicht nachkommen», sagt der Berner Wirtschaftsexperte Ammann. Demnach gab jedes zehnte Schweizer Unternehmen an, bereits wegen unbezahlten Aufträgen aus dem Ausland mit Liquiditätsproblemen konfrontiert gewesen zu sein.

Wie die Studie zeigt, stellen neben der Gefahr eines Forderungsausfalls (Delkredererisiko) vor allem der Wechselkurs und damit einhergehend das Auf und Ab der Konjunktur die Hauptrisiken für die Schweizer Unternehmen dar. Auch politische Risiken wurden häufig genannt. Unterm Strich rechnen acht von zehn der befragten Unternehmen für die Zukunft mit anhaltenden oder gar zunehmenden Risiken.

Wenige sichern sich ab

Dabei sind die Firmen laut Untersuchung jedoch vor allem mit Blick auf das Währungsrisiko stark sensibilisiert und gut aufgestellt. So erhöht rund die Hälfte der Unternehmen den Einkauf im günstiger gewordenen Ausland und senkt die Kosten in der Schweiz. Immerhin drei von zehn Unternehmen gaben an, sich über Währungstermingeschäfte abzusichern. «Hier ist noch Spielraum für viele Unternehmen, weil diese Absicherungen zur Zeit wegen des tiefen Zinsniveaus nicht teuer und nach Aufgabe des Mindestkurses sehr sinnvoll sind», so Ammann.

Daneben kann rund jedes dritte Unternehmen seine Rechnungen im Ausland in Schweizer Franken stellen – ein bemerkenswert hoher Wert, so Ammann. Diese Absicherung, ebenso  wie die Vorauszahlung, setzt jedoch das Einverständnis des Abnehmers voraus. Entsprechend wichtig sei es, das Risikomanagement auf strategischer Ebene zu positionieren und regelmässig auf Geschäftsleitungsebene zu überprüfen.

Erschliessung neuer Absatzmärkte als Rezept

Der Wirtschaftsexperte hebt hervor, dass die Schweizer Firmen die Risikolage in ihren Absatzmärkten durchaus realistisch einschätzten. So rechneten sie für die grossen europäischen Märkte wie Deutschland, Frankreich oder Italien mit weniger Umsatz. Potenzial hingegen sieht die Schweizer Exportwirtschaft in den USA, China und den Golfstaaten. Ludovic Subran, Chefökonom von Euler Hermes in Paris, nennt denn auch die Erschliessung neuer Absatzregionen als ein Mittel zur Sicherung des bisherigen Erfolgs.

Die US-Währung habe gegenüber dem Franken kaum abgewertet, so der Experte. «Da bietet es sich an, in Regionen zu exportieren, wo mit Dollar gezahlt wird oder die lokalen Währungen an den Dollar gebunden sind – etwa in Südostasien oder in den arabischen Ländern.» Gleichzeitig räumt der Fachmann ein, dass es sehr schwer wird, neue Märkte zu erschliessen (lesen Sie das ganze Interview mit Euler-Hermes-Chefökonom Ludovic Subran am Nachmittag auf handelszeitung.ch).

Chinesen werden zu Schweizer Konkurrenten

Dafür müsse alles neu aufgebaut werden, die Vertriebsstruktur oder lokale Partner vor Ort. Dass solche Überlegungen jedoch notwendig sind, ist auch der Berner Experte Ammann überzeugt. Denn in vielen Bereichen dürften sich Schweizer Hersteller schon bald mit neuen Konkurrenten konfrontiert sehen. So werden etwa chinesische Maschinenhersteller schon bald mit ähnlich guten Produkten auftreten, sagt er. Langfristig sei es deshalb wichtig, den Einsatz der Absicherungsmassnahmen zu überdenken.