Kurz keimte im Frühjahr die Hoffnung, der Franken könnte an Wert einbüssen und der Schweizer Industrie Gegenwind nehmen. Doch die Realität sieht in diesen Wochen anders aus: Der Eurokurs pendelt zwischen 1.03 und 1.06 Franken, die Schweiz dürfte im ersten Halbjahr 2015 in eine Rezession gerutscht sein.

Am morgigen Donnerstag nun kommt die Schweizerische Nationalbank (SNB) zu ihrer vierteljährlichen Lagebeurteilung zusammen. Das Ziel: Präsident Thomas Jordan will die Investoren an den Finanzmärkten davon überzeugen, dass die Zentralbank «bei Bedarf» am Devisenmarkt interveniert, um den Franken zu schwächen. Doch Fachleute sind skeptisch, wähnen die Nationalbank nur noch als «hilflosen Zuschauer». 

Inflation weit im negativen Bereich

Nach dem Rückgang der Wirtschaftsleistung zu Jahresbeginn um 0,2 Prozent droht nach der Aufgabe des Mindestkurses Mitte Januar auch im Frühjahr ein Minus – damit wäre die Schweizer Wirtschaft definitionsgemäss erstmals seit der Finanzkrise 2009 in der Rezession. Das erwarten unter anderem die Ökonomen vom Forschungsinstitut Bak Basel.

Die Investitionstätigkeit flaut ab, konstatieren die Experten der Credit Suisse. Die Arbeitslosenrate ist leicht gestiegen. Wegen des starken Frankens sinken die Preise: Die Inflation liegt aktuell zum Vorjahr mit minus 1.2 Prozent weit im roten Bereich. So stark sanken die Konsumentenpreise zuletzt im Juli 2009. Immerhin: Das Minus ist nur leicht grösser als von der SNB erwartet – noch deutet sich keine Deflationsspirale wie in den 1930er-Jahren an.

Anzeige

Aufträge der Industrie um 17 Prozent gesunken

Die Aussichten auf die kommenden Monate sind dennoch besorgniserregend: Die Auftragseingänge in der Maschinen-, Apparate- und Elektronikindustrie sind im ersten Quartal um 17 Prozent gegenüber dem Vorjahr gesunken. Weniger Bestellungen heute deuten auf eine schwächere Produktion in den kommenden Monaten.

Das ist auch deshalb problematisch, weil in den genannten Industrien fast jeder zehnte Arbeitnehmer in der Schweiz beschäftigt ist. Wegen des anhaltend starken Franken senkte das Forschungsinstitut Bak Basel seine Konjunkturprognose für 2015 jüngst von 1.0 auf 0.6 Prozent.

SNB als «hilfloser Zuschauer»

Was also kann die SNB tun, um die Lage zu entschärfen? Nicht viel, glauben viele Experten. Die Nationalbank ist dem Auf und Ab an den Finanzmärkten weitgehend ausgeliefert, finden etwa die Experten der Commerzbank. Anzunehmen, die SNB habe noch die Gewalt über den Wechselkurs des Franken, sei falsch, schreiben die Ökonomen in einer Analyse. In Realität sei die Zentralbank heute jedoch nicht mehr als ein «hilfloser Zuschauer».

Nach Ansicht des deutschen Top-Ökonomen Peter Bofinger hat die Schweiz als stark in die Weltwirtschaft integrierte und exportorientierte Volkswirtschaft keine echte geldpolitische Autonomie. Er sieht die Eidgenossenschaft am Scheideweg: «Letztlich steht die Schweiz vor der Wahl, sich enger an die Geldpolitik des Euroraums zu binden oder sich voll und ganz den Launen der Devisenmärkte auszuliefern. Und wenn man sich die globalen Devisenmärkte so anschaut, weiss man: Sie können ein zerstörerisches Potenzial entfalten», sagte Bofinger im Interview mit handelszeitung.ch vor wenigen Tagen.

Griechenland-Frage wichtig für Frankenkurs

Wohin die Reise für den Franken geht, darüber sind Experten uneins. Wie der heute veröffentlichte ZEW-Indikator zeigt, erwarten im Juni weniger Analysten eine baldige Abwertung des Schweizer Frankens als noch im Mai. Immerhin per Saldo rechnen mehr Experten mit einem schwächeren Wechselkurs  in den kommenden Monaten als mit einer Aufwertung.

Anzeige

Verlässliche Prognosen sind angesichts der Gemengelage um Griechenland schwierig. Sollte der Streit sich hinziehen oder das südeuropäische Land aus dem Währungsraum scheiden, drohen Verwerfungen an den Finanzmärkten. Der Franken könnte schlagartig an Wert gewinnen. Andersherum: Eine baldige Einigung dürfte spürbar den Euro stärken – und damit den Schweizer Unternehmern tatsächlich Gegenwind nehmen.