Der Franken ist gegenüber dem Euro nur wenig über dem von der Schweizerischen Nationalbank (SNB) proklamierten Mindestkurs von 1.20 geblieben. Am Markt erwartet derzeit kaum jemand, dass sich der Kurs deutlich von der Untergrenze wegbewegt.

Obwohl die Kurstaucher unter 1.20 Franken am Gründonnerstag und - gemäss verschiedenen Berichten - in der Nacht auf den Ostermontag nur Sekundenbruchteile dauerten und dahinter vergleichsweise geringe Handelsvolumen standen, verursachten sie beträchtliche Aufregung.

Interims-Notenbankchef Thomas Jordan sah sich deshalb am Dienstag veranlasst, in Medienauftritten die Vorkommnisse als «Anomalien» zu relativieren und die Entschlossenheit der SNB zur Verteidigung der Untergrenze zu unterstreichen. Einen Einfluss auf die Wechselkurse zeigten die Aussagen zunächst kaum. Am Nachmittag lag der Euro-Wechselkurs mit 1.2015 Franken weiterhin nur sehr knapp über der Verteidigungslinie.

Ob die SNB den Mindestkurs weiterhin ohne grössere Markteingriffe durchsetzen kann, ist für Experten fraglicher geworden: «Das Risiko ist gestiegen, dass die Nationalbank ihr Versprechen einlösen muss, Fremdwährungen in unbegrenzten Mengen zu kaufen», schreibt etwa UBS-Experte Beat Siegenthaler in einem Kommentar.

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Bereits der jüngste Ausweis der SNB habe zu Spekulationen geführt, wonach die Nationalbank im März Interventionen durchführen musste: Ihre Devisenreserven seien im vergangenen Monat immerhin um rund 10 Milliarden Franken gestiegen.

Sicherer Hafen

Als Hauptursache für den Aufwertungsdruck auf den Franken nennen die meisten Marktbeobachter die neue Anspannung in der Euro-Krise mit der aufflackernden Unsicherheit um Spanien. Nicht zur Beruhigung beigetragen hätten auch die jüngsten Wirtschaftsdaten aus den USA, die auf ein verlangsamtes Wachstum hindeuten.

Damit sei es zu einer erneuten Flucht in «sichere Häfen» gekommen, sagte etwa Währungsstratege Hans-Günter Redeker von der Bank Morgan Stanley in einem Interview mit dem Internetportal «Cash»: «Der Franken ist definitiv als 'safe haven' wieder begehrt.»

Die Zuflüsse seien dabei nicht nur aus der Euro-Peripherie erfolgt, sondern auch aus dem Nahen und Mittleren Osten aufgrund der dortigen instabilen Verhältnisse.

Anhebung kein Thema mehr

Die derzeitige Wechselkurssituation spiegle aber auch die Tatsache wider, dass die Fantasien über eine Anhebung der Untergrenze etwa auf 1.25 Franken aus dem Markt seien, sagte Alessandro Bee von der Bank Sarasin. «Heute glaubt niemand mehr an eine weitere Anhebung», erklärte der Sarasin-Ökonom.

Zu solchen Einschätzungen haben auch jüngste Wirtschaftsdaten der Schweiz beigetragen. Noch im letzten Jahr habe man befürchten müssen, dass sich die Schweizer Wirtschaft in eine Rezession bewege, sagte Bee. «Das scheint sich jetzt nicht zu bewahrheiten.»

«International wäre eine Abwertung des Frankens schwierig zu begründen, wenn gleichzeitig Vollbeschäftigung und Rekord-Handelsüberschüsse verzeichnet werden», sagte auch UBS-Experte Siegenthaler.

Ähnlich sieht es die Zürcher Kantonalbank. «Die SNB würde mit einem solchen Vorgehen ein hohes Risiko eingehen», warnte die ZKB-Ökonomin Cornelia Luchsinger. Letztlich bleibe der Zentralbank wohl nur die Option, die Situation auszusitzen.

(laf/chb/sda)