1. Home
  2. Konjunktur
  3. Freihandel Schweiz-China: Bitte nicht blenden lassen

Kommentar
Freihandel Schweiz-China: Bitte nicht blenden lassen

Das Freihandelsabkommen mit China tritt am 1. Juli 2014 in Kraft   Keystone

Die Wirtschaft erhofft sich durch das Abkommen mit China Wettbewerbsvorteile und Kostenersparnisse. Realistisch betrachtet dürfen die Beziehungen mit EU-Partnern nicht vernachlässigt werden.

Von Pascal Ihle
am 18.06.2014

Die Tage der offenen Türen beginnen am 1. Juli. Dann erhalten kleine wie grosse Schweizer Unternehmen einen erleichterten Zugang zum grössten Markt der Welt. Möglich macht dies das Freihandelsabkommen mit China, das während sechs Jahren verhandelt wurde und am 1. Juli in Kraft tritt. Für Volkswirtschaftsminister Johann Schneider-­Ammann ist dies ein Jubeltag, denn die Schweiz hat nach Island als erst zweites europäisches Land ein Abkommen mit China abgeschlossen – also vor der Europäischen Union (EU). Davon versprechen sich Wirtschaft und Politik einen Wettbewerbsvorteil gegenüber ausländischen Konkurrenten.

Gute Ausgangslage mit Peking hat dem Finanzplatz nichts genützt

Das sind zwar hervorragende Neuigkeiten für die hiesigen Exporteure und Unternehmer und bringen die Schweiz in eine gute Ausgangslage. Allzu viel sollte sich das Land jedoch nicht darauf einbilden.

Das Netz an Freihandelsabkommen ist nötig geworden, weil die Doha-Welthandelsrunde scheiterte. Deshalb sah sich die Schweiz gezwungen, neben der EFTA-Konvention und dem EU-Freihandelsabkommen ein globales Netz von 38 Verträgen mit 28 Partnern zu knüpfen. Dieses bietet aber weder Schutz vor macht- oder wirtschaftspolitischen Entwicklungen (wie das geplante Freihandelsabkommen zwischen den USA und der EU, das die Schweiz unter Zugzwang bringt), noch garantiert es eine privilegierte Position.

Dies mussten der Finanzplatz und Bundesbern Anfang Jahr bitter erfahren. Beide hatten gehofft, dass die Schweiz im Zuge der Verhandlungen erster europäischer Handelsplatz für die chinesische Währung, den Renminbi, werden würde. Sehr zum Verdruss der hiesigen Akteure erhielt London den Zuschlag. Die Finanzmarktaufsicht und der Bundesrat hatten sich zu passiv verhalten und eine wichtige Entwicklung verschlafen, so wie seinerzeit, als die Schweiz den Goldhandel an London und das Fondsgeschäft an Luxemburg verlor. In der Zwischenzeit wurde in Frankfurt die erste chinesische Anleihe in Renminbi aufgelegt, und Paris verfügt über eine Swap-Kreditlinie in chinesischer Währung – während Zürich und Genf noch immer im Regen stehen.

EU-Raum bleibt auf Jahre wichtigster Handelspartner der Schweiz

Ausserdem darf Bern trotz aller Euphorie über das Freihandelsabkommen mit China nicht vergessen, dass die Schweiz ausgerechnet mit ihrem bedeutendsten Handelspartner grosse Probleme hat. Obschon der Bundesrat in den letzten Jahren suggerierte, alle neuen Abkommen könnten im Laufe der Zeit die Abhängigkeit von der EU reduzieren, ist dies utopisches Wunschdenken. Europa wird immer zentral für die Schweizer Wirtschaft bleiben: 2013 gingen 55 Prozent der Schweizer Exporte (116 Mil­liarden Franken) in den EU-Raum, umgekehrt stammten 73 Prozent der Schweizer Importe (135 Milliarden Franken) aus der EU.

Bern muss wieder mehr Herzblut für die EU haben, so wie in den letzten Jahren für Peking. Denn ob wir es wollen oder nicht: Die Schweizer Wirtschaft ist auf Gedeih und Verderb von Europa abhängig.

Anzeige