Vor einem Jahr stand die Weltwirtschaft am Rande einer Rezession. Das Wachstum der Industrienationen betrug ­ge­rade einmal ein halbes Prozent und lag damit sogar unter dem Tiefstwert der Rezession der Jahre 2001 und 2002. Die Wirtschaftsdynamik war darüber hinaus deutlich rückläufig. Industrie- und Schwellenländer zusammen hatten drei Jahre in Folge einen kontinuierlichen Wachstumsrückgang von über fünf auf nur noch zweieinhalb Prozent Wachstum verzeichnen müssen.

Heute sieht die weltwirtschaftliche Lage stark verbessert aus. Die Wachstumsraten der Industrienationen haben vier Quartale in Folge deutlich zugenommen. In den Schwellenländern hat sich die Situation zumindest stabilisiert. Insgesamt liegt die Wirtschaftsaktivität inflationsbereinigt gut dreieinhalb Prozent über dem Vorjahresniveau. Apropos Infla­tion: Die ist über diesen Zeitraum praktisch unverändert geblieben. In den Vereinigten Staaten lagen wir gemessen an der Kernrate der Konsumentenpreisveränderung bei gut anderthalb, in der Eurozone bei einem Prozent.

Die Zentralbanken sollten ihre eh schon lockere Geldpolitik nochmals lockern

Vor diesem Hintergrund erstaunt die aktuelle ­Diskussion um die Geldpolitik. So sind in den vergangenen Wochen von den Finanzmarktteilnehmern immer wieder Rufe laut geworden, dass die Zentralbanken ihre eh schon sehr lockere Geldpolitik nochmals lockern sollten. Ob Negativzinsen, ­Anleihenkaufprogramme oder Wechselkursuntergrenzen – die geforderten Massnahmen sind alle so extrem, dass sie selbst in Zeiten grösster Krisen nicht leichtfertigt durch Zentralbanken angeordnet werden. Phasen, in denen solche Massnahmen gerechtfertigt erscheinen, sind Phasen in denen unser Wirtschafts- und vielleicht sogar unser Gesellschafts­system vor dem Zusammenbruch bewahrt werden muss. Nicht auszumalen, was passieren würde, wenn unser Bankensystem wirklich zusammenbrechen würde. Nicht auszumalen, was passieren würde, wenn wir noch einmal in eine Weltwirtschaftskrise wie in den 1930er-Jahren geraten würden.

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Wenn wir also den Ruf der Finanzmärkte nach weiteren und grösseren Unterstützungsmassnahmen hören, stehen wir dann tatsächlich am Rande einer solchen Krise? Sind wir aktuell in einer solchen Situation, dass wir, nachdem wir nicht einmal die ­negativen Folgeeffekte der vorherigen Expansion der Geldpolitik beseitigt haben, noch einmal alles tun müssen, um unsere moderne Industriegesellschaft vor dem Kollaps zu bewahren?

Frühwarnsignale der Konjunkturhaben sich verbessert

Die anfänglich dargestellte konjunkturelle Lage lässt das nicht vermuten. Auch die vorlaufenden Konjunkturindikatoren, die Stimmung bei den ­Konsumenten und den Unternehmen lässt diesen Schluss nicht zu. Im Gegenteil, in praktisch allen ­Industrienationen und zunehmend auch in den Schwellenländern haben sich die Frühwarnsignale der Konjunktur in den vergangenen Monaten verbessert.

Auch bezüglich der Inflation lassen sich keine Krisensignale ableiten. Wenn überhaupt, scheint diese beim schwachen Zustand der Konjunktur eher etwas zu hoch. So berechnet die OECD zurzeit, dass die Vereinigten Staaten und die Euro-Zone immer noch mit einer volkswirtschaftlichen Unterauslastung der Kapazitäten von gut drei Prozent zu kämpfen haben. Inflationswerte im Bereich der Zielgrössen der jeweiligen Zentralbanken sollten bei einer Normalauslastung der Wirtschaft erreicht sein und nicht bereits am Anfang einer Expansionsphase.

Warum verweigern die Finanzmärkte dann den Blick auf die Realität und fordern trotz den verbesserten Konjunkturdaten nicht nur eine anhaltend expansive, sondern sogar eine expansivere Geldpolitik? Vielleicht, weil die Finanzmärkte solche Massnahmen brauchen?

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Vergessen wir nicht, dass unsere Aktienmärkte in der Erwartung des Aufschwungs bereits vor gut zwei Jahren und damit lange vor dem eigentlichen Anziehen der Realwirtschaft begonnen haben zu steigen. Der Anstieg dieses Jahres lässt sich nun kaum noch auf eine stärkere Wirtschaftsaktivität zurückführen, sonst wären nicht zeitgleich die Zinsen an den Obligationenmärkten gestiegen. Mit anderen Worten: Die guten Renditen, die wir dank den fallenden Zinsen in fast allen Anlageklassen erwirtschaften konnten, sind wohl vor allem der expansiven und noch expansiver erwarteten Geldpolitik geschuldet.

Wie man es dreht und wendet: Die Finanzmärkte scheinen die Geldspritze der Notenbanken für eine Fortsetzung der positiven Entwicklung zu brauchen. Ohne eine systembedrohende Krise erscheint bezüglich der Geldpolitik also mittelfristig viel Spielraum für Enttäuschung entstanden zu sein. Kommt es tatsächlich zu mehr Wachstum, wird sich der Zinstrend wohl wieder umkehren. Aus dem Rückenwind für die Finanzmärkte wird dann plötzlich Gegenwind. Sollten die überwiegend positiven Konjunktursignale aber täuschen, dann ist der Aufschwung auf den ­Aktienmärkten wohl sehr voreilig gewesen, da dann die Unternehmensgewinne wohl enttäuschen.

Für die Zentralbanken stellt sich also die Frage, wann und wie sie die Finanzmärkte enttäuschen müssen. Dass diese Enttäuschung folgen wird, scheint unvermeidlich. Das Gesamtinteresse einer Gesellschaft ist schliesslich nicht gleichzusetzen mit dem Interesse der Finanzmärkte an positiven Renditen.