Ob Sars-Erreger, Schweinegrippe oder Fettleibigkeit – die Weltgesundheitsorganisation (WHO) überwacht die global drohenden Krankheiten vom Genfer Hauptsitz aus. Das Gebäude ist eine dominante Erscheinung. Eine über 200 Meter lange Glasfassade ragt zehn Stockwerke hoch in den Himmel. Um 17 Uhr sind die Hälfte aller Büros dunkel. Am Eingang, wo stolze Gesundheitsexperten ein und aus gehen, sieht man besorgte Gesichter. «Wir alle sind betroffen. Es herrscht eine schlimme Atmosphäre», sagte eine 50-jährige Direktionsassistentin, die nicht genannt werden will. Seit 30 Jahren arbeitet sie bei der WHO. «Ich hatte Glück, ich muss bloss die Abteilung wechseln.»

Die WHO ist gezwungen, ihr Budget 2011 von 4,8 Milliarden Dollar auf 3,9 Milliarden zu kürzen. 350 von 2400 Stellen wurden abgebaut, einige Abteilungen ins Ausland verlegt, so die Finanzen in die malaiische Hauptstadt Kuala Lumpur. Weitere Reduktionen sind geplant. Wie viele, will die WHO nicht sagen. Es heisst, sie würden «nicht bedeutend» ausfallen.

Ein Australier, der seit acht Jahren bei der WHO arbeitet, findet es beschämend, dass sein Arbeitgeber sozialen Kahlschlag betreibe. Er habe den Job gewählt, weil die Stelle als sicher galt. «Ich habe als Funktionär manche Nachteile in Kauf genommen. Jetzt bin ich sehr enttäuscht. Wahrscheinlich muss ich nach Asien umziehen.» Als Nicht-EU-Bürger – und das sind viele hier – verliert er bei einer Kündigung umgehend das Aufenthaltsrecht.

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Mehrere Organisationen greifen durch

Die WHO ist eine von vielen internationalen Körperschaften in Genf, welche die Finanzkrise zu spüren bekommen. Ihre Einkünfte bestehen zu 75 Prozent aus freiwilligen Beiträgen. Da die westlichen Staaten ihre Haushalte zusammenstreichen, bleibt für die Organisationen immer weniger übrig. Selbst Gremien, die sich ganz auf sogenannte statutarische Beiträge stützen können, müssen sparen. In New York wird zurzeit über das Budget 2012 der Uno beraten. Generalsekretär Ban Ki-moon hat eine Kürzung um 3 Prozent vorgeschlagen. Wahrscheinlich wird es mehr sein, weil sich die USA sonst weigern zu zahlen. Selbst ein Minus von nur 3 Prozent hiesse, dass in Genf über 100 von rund 3500 Stellen gestrichen würden. «Einen solchen Abbau würden wir über die Reduktion offener Stellen bewältigen», erklärt Uno-Sprecherin Corinne Momal-Vanian.

Das Internationale Rote Kreuz (IKRK), das zu 90 Prozent von Regierungen finanziert wird, hat kürzlich 32 von 814 Vollzeitstellen gestrichen. Einige Abteilungen sind ebenfalls verlegt worden wie das Logistik-Controlling in die philippinische Hauptstadt Manila. «Das ist günstiger. Die Menschen arbeiten dort hocheffizient», sagt die Finanz- und Logistikverantwortliche Helen Alderson. «Im kommenden Jahr müssen wir den Gürtel nochmals enger schnallen.»

Währungsverluste verschärfen die Lage. Sie äussern sich auf zwei Arten: Tiefere Einkünfte und höhere Arbeitskosten. Beim IKRK beispielsweise werden Löhne zwar fix in Schweizer Franken ausbezahlt. Die Einnahmen stammen aber aus dem Dollar- und dem Euro-Raum. Je stärker der Franken, desto schwächer diese Währungen. Das IKRK nimmt bei nominell gleichen Beiträgen weniger ein.

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Bei der Uno ist die Mechanik anders: Saläre werden in Dollar definiert. Hinzu kommt eine Zulage, die in Genf die höheren Lebenshaltungskosten kompensiert. Darin enthalten ist ein Wechselkursfaktor: Je stärker der Franken, desto höher die Zahlungen in Dollar. «Von Oktober 2010 bis Oktober 2011 bezahlte die Uno 14 Prozent mehr für Löhne in der Schweiz», sagt Sprecherin Momal-Vanian.

Eine Kombination von beiden Effekten trifft auch die 1919 gegründete, in Genf ansässige Internationale Arbeitsorganisation ILO. «Unsere Arbeitsplatzkosten sind deutlich höher im Vergleich zum Vorjahr wegen des stärkeren Frankens. Und wir nehmen weniger ein, weil Einnahmen in Dollar erfolgen», sagt ein Sprecher der Finanzabteilung. Das Budget 2012 erfahre aber nur eine Reduktion von 0,3 Prozent. Ein Stellenabbau sei nicht geplant.

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Also alles nicht so schlimm? Die Einschätzungen fallen durchzogen aus. Jan Eckert, der Leiter der Immobilienberatungsfirma Jones Lang LaSalle, sagt, ein Abbau wie bei der WHO habe praktisch keinen Einfluss auf den lokalen Büromarkt. Die Leerstandsquote werde sich um 0,2 Prozent erhöhen. Hinzu komme, dass die Nachfrage nach modernen und funktionierenden Büroflächen im internationalen Quartier von Genf «sehr hoch» sei. Er sieht den Schaden woanders. «Als deutlich gravierender würde ich den Imageverlust und die Tatsache werten, dass sich eine internationale Organisation aus Genf teilweise zurückzieht», sagt Eckert.

Die Bedeutung der Internationalen in Genf ist gross (Kasten). Die Gemeinschaft umfasst rund 30000 Mitarbeiter. Der volkswirtschaftliche Ertrag wird auf jährlich 2,5 bis 3 Milliarden Franken geschätzt. Rund ein Drittel aller Stellen der Dienstleistungsbranche stammt aus diesem Sektor. Darunter fallen auch solche wie das Europäische Kernforschungszentrum CERN und die Welthandelsorganisation WTO. Zusammen belegen sie geschätzt 600000 Quadratmeter Bürofläche in Hunderten von Gebäuden, was der Zürcher City entspricht.

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Die WHO bisher ein isolierter Fall

Ein intimer Kenner ist François Reinhard. Der frühere Kantonsbaumeister Genfs führt seit vier Jahren die Stiftung für Immobilien internationaler Organisationen (FIPOI). Gegründet wurde sie 1964 durch den Kanton Genf und die Eidgenossenschaft. Ihr Ziel ist, den Kunden innert nützlicher Frist passende Büro-, Logistik-und Konferenzräume zur Verfügung zu stellen. «Die Reduktion bei der WHO fällt tatsächlich sehr substanziell aus, ist aber ein isolierter Fall, weil sich mehrere negative Effekte kumulieren», sagt Reinhard. Die Lage in Genf sei angespannt, das stimme. Der Frankeneffekt treffe selbst diplomatische Missionen wie Portugal, die Leute abzögen oder Löhne senkten. Aber als Immobilien-Entwickler könne er sagen, dass auch sehr viel Aufbau im Gange sei. Vor allem das CERN entwickle sich hervorragend. «Das Zentrum erhält inzwischen 80000 Besucher jährlich», sagt Reinhart.

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Weitere Projekte sind in der Pipeline. Der Hauptsitz der WTO wird für 130 Millionen Franken renoviert und ausgebaut. Die Organisation Global Fund, die unter anderem Aids bekämpft, zieht in zwei Jahren in einen neuen Campus im Uno-Quartier mit tausend Arbeitsplätzen. Die Uno hat eine Zusage vom Bund für eine Renovation ihres Palais des Nations über 50 Millionen Franken erhalten. Selbst die ILO, die jetzt spare, werde ihr Gebäude sanieren und ausbauen, für rund 200 Millionen Franken.

Entscheidend sei, so Reinhard, dass das Schicksal Genfs ins Bewusstsein der Schweiz rücke. «Wir hoffen, dass der Bundesrat auch weiterhin den internationalen Organisationen grosse Wichtigkeit beimisst.» Niemand hatte Genf in den letzten Jahren so stark gefördert wie die abtretende Bundesrätin Micheline Calmy-Rey.

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Uno in Genf: 8500 Mitarbeiter, 600 Konferenzen

8000 Treffen im Palais des Nations
Genf ist der wichtigste UNO-Sitz in Europa und das weltweit zweitwichtigste Zentrum für multilaterale Zusammenarbeit. Nummer eins ist unangefochten das Hauptquartier in New York. 8500 Personen arbeiten in Genf für die Vereinten Nationen und ihre angegliederten Organisationen. Damit weist die Rhonestadt die höchste Anzahl an UNO-Mitarbeitern weltweit auf. Zwei Drittel aller UNO-Aktivitäten werden in Genf abgewickelt. Im Palais des Nations etwa finden jährlich rund 600 grössere Konferenzen statt.

Weltgesundheitsorganisation
Auch zahlreiche Sonderorganisationen der UNO haben ihren Sitz in Genf. Die Weltgesundheitsorganisation WHO beschäftigte bislang 2400 Mitarbeitende in Genf. Anfang dieses Monats wurde bekanntgegeben, dass 350 von ihnen bis Ende Jahr ihre Stelle verlieren werden.

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Andere Sonderorganisationen
Neben der WHO haben auch die Internationale Arbeitsorganisation (ILO), die Weltorganisation für geistiges Eigentum (WIPO), die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) und die Internationale Fernmeldeunion (ITU) ihren Sitz in Genf. In Bern ansässig ist der Weltpostverein (UPU), ebenfalls eine Sonderorganisation der UNO. Keine Sonder-, sondern eine verwandte Organisation ist die Welthandelsorganisation (WTO), die ihren Sitz ebenfalls in Genf hat.