Industrievertreter sagten im letzten Jahr voraus, wegen des starken Frankens werde es eine «blutige Bremsspur» geben in der Schweizer Wirtschaft. Sehen Sie das im Arbeitsmarkt?
George Sheldon:
Bis jetzt können wir weder in den Arbeitslosenzahlen noch in den vorausschauenden Indikatoren eine Entlassungswelle erkennen. Im 4. Quartal 2011 ist die Arbeitslosigkeit zwar angestiegen, aber jetzt scheint sich die Situation eher wieder zu entspannen.

Woran sehen Sie das?
Der Anstieg der Neuzugänge in der Arbeitslosenversicherung flacht bereits wieder ab, ebenso nimmt die Dauer der Stellensuche kaum mehr zu. Es sieht so aus, als würde die Arbeitslosigkeit nicht einmal über das Niveau steigen, das bei ausgeglichener Konjunktur zu erwarten wäre. Der Arbeitsmarkt bleibt also sogar leicht angespannt.

Was heisst das?
Die offizielle Arbeitslosenquote liegt saisonbereinigt bei 3,1 Prozent. Sie ergibt sich aus dem Verhältnis zur Erwerbs­bevölkerung. Diese Zahl stammt jedoch aus der letzten Volkszählung, und seit 2000 ist die Erwerbsbevölkerung vor allem durch Zuwanderung um rund 600000 Personen gestiegen. Wenn man das berücksichtigt, kann man von der amtlichen Arbeitslosenquote 0,4 bis 0,5 Prozentpunkte abziehen und kommt auf etwa 2,6 Prozent. Wir liegen richtig gemessen also noch unter der langfristigen Sockelarbeitslosigkeit von etwa 3 Prozent. Wir haben gewissermassen Vollbeschäftigung.

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Wie erklären Sie sich das, wo doch alle Welt von Krise spricht?
Die Margen in der Exportwirtschaft sind durch die Franken-Stärke sicher arg unter Druck geraten. Ich kann nicht sagen, wie die Unternehmen das verkraften. Viele Firmen betreiben eine Nischenstrategie, ihre Produkte sind schwer zu ­ersetzen. Und es könnte natürlich sein, dass noch nichts zu sehen ist, weil die Auftragsbücher noch voll sind und der Einbruch erst noch kommt.

Jetzt kommen mit den Initiativen für sechs Wochen Ferien und einen Mindestlohn von 4000 Franken neue Belastungen auf die Unternehmen zu.
Beides bringt einen Kostenschub. Die Margen stehen unter Druck, die Unternehmen haben mit der Frankenstärke bereits einiges verkraften müssen. Das ist sicher kein guter Zeitpunkt.

Was heisst das für den Arbeitsmarkt?
Mehr Ferien bedeuten höhere Fixkosten. Damit schafft man Anreize, ­Arbeitskräfte einzusparen und die Mit­arbeiter länger und intensiver arbeiten zu lassen. Das ist genau das Gegenteil von dem, was die Gewerkschaften bezwecken.

Und der Mindestlohn?
Die Wissenschaft ist sich über die Wirkung nicht einig. Aber wenn der Mindestlohn so hoch angesetzt wird wie von der Initiative gefordert, beeinträchtigt das die Beschäftigung in jedem Fall, das zeigen alle empirischen Untersuchungen. Problematisch ist, dass dies vor allem die Jobchancen von Niedrigqualifizierten beeinträchtigt, die schon heute überdurchschnittlich von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Ich teile die Zielsetzung der Gewerkschaften, Erwerbsarmut zu verhindern. Aber hohe Mindestlöhne sind dazu ein völlig ungeeignetes Instrument.