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Kommentar
Glaubwürdigkeit der SNB steht auf dem Spiel

Armin Müller ist Chefökonom der «Handelszeitung»

Die Schweizerische Nationalbank hebt den Mindestkurs auf. Die für ihre Berechenbarkeit bekannte SNB hat damit Finanzmärkte, Experten und Unternehmer völlig überrumpelt.

Von Armin Müller
am 15.01.2015

Die Schweizerische Nationalbank hebt den Mindestkurs von 1.20 Franken zum Euro per sofort auf. Noch vor wenigen Tagen bezeichnete sie den Mindestkurs als Eckpfeiler der SNB-Politik. Jetzt bricht sie diesen ab. Die für ihre Berechenbarkeit und Zuverlässigkeit bekannte SNB hat damit die Finanzmärkte, die geldpolitischen Experten und nicht zuletzt die Schweizer Exportindustrie völlig überrumpelt.

Auch nach den Erläuterungen von SNB-Präsident Thomas Jordan an der heutigen Pressekonferenz ist nicht ganz klar, was ihn und seine Direktionskollegen wirklich zur Kehrtwende in ihrer Politik bewogen hat. Die Überbewertung habe sich «seit Einführung des Mindestkurses insgesamt reduziert» und die Wirtschaft habe sich auf die neue Situation einstellen können. «Die Unterschiede in der geldpolitischen Ausrichtung der bedeutenden Währungsräume haben sich in letzter Zeit markant verstärkt und dürften sich noch weiter akzentuieren», sagte Jordan. Vor diesem Hintergrund sei die Nationalbank zum Schluss gekommen, «dass die Durchsetzung und die Aufrechterhaltung des Euro-Franken-Mindestkurses nicht mehr gerechtfertigt» sei. Es mache keinen Sinn, eine aus ökonomischen Gründen nicht mehr nachhaltige Politik weiterzuführen.

Jordans Kehrtwende

So weit so gut. Aber verändert hat sich die Situation kaum, jedenfalls nicht in eine Richtung, die man nicht schon seit längerem erkennen konnte. Der Aufschwung in den USA, die Erstarkung des Dollar, der Ausstieg aus der Nullzinspolitik – das entspricht den Erwartungen. Das bisherige Hauptargument für den Mindestkurs, die Verhinderung einer deflationären Entwicklung, erwähnte Jordan nicht einmal mehr, obwohl die heutige Kehrtwende das Problem verschärfen wird. Die eher dürftigen Erklärungen deuten darauf hin, dass sich weniger die Situation, als vielmehr die Einschätzung der Nationalbank-Chefs verändert hat. Bisher erwarteten sie, die Euro-Zone könne ihre Probleme in nützlicher Frist überwinden. Daran scheinen sie nun nicht mehr zu glauben.

Die Schweizer Exportwirtschaft hat darauf vertraut, dass Jordan und seine Kollegen ihr Versprechen halten, nun muss sie wieder mit massiven Frankenaufwertungen zurechtkommen. Mit der Politikänderung setzt die Nationalbank ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel, das wichtigste Kapital einer Notenbank. Dass Jordan dies in Kauf nimmt, deutet darauf hin, dass er noch grössere Gefahren auf die Schweiz zukommen sieht.

Armin Müller ist Chefökonom der «Handelszeitung»

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