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Hess: «Manuelle Produktion kaum in der Schweiz zu halten»

Zeigt für Verlagerungen ein «gewisses Verständnis»: Swissmem-Präsident Hans Hess: (Bild: Keystone)

Swissmem-Präsident Hans Hess erklärt im Interview, weshalb ihn die jüngste Exportstatistik nicht beruhigt, er weitere Verlagerungen von Arbeitsplätzen ins Ausland erwartet und er sich gegen eine Erhöh

Von Vasilije Mustur (Interview)
am 21.09.2012

«Handelszeitung Online»: Wie aus der jüngsten Exportstatistik hervorgeht, sind die Schweizer Ausfuhren um 12 Prozent angestiegen. Wie nehmen Sie diese Meldung auf?

Hans Hess: Natürlich freut mich das. Aber es ist leider nur eine Momentaufnahme und es ist zurzeit nicht klar, ob sie eine Trendwende darstellt. 

Weshalb blicken Sie so pessimistisch in die Zukunft? Schliesslich konnte die Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM) laut der vorliegenden Statistik ein Exportplus von 2,5 Prozent vorweisen.
 
Viele Indikatoren deuten leider nicht auf einen Aufwärtstrend hin. Über das ganze Jahr 2012 betrachtet sind die Exporte der Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie teilweise massiv rückläufig. 
Die Auftragseingänge in der MEM-Industrie sind seit fünf Quartalen rückläufig. Der «Purchasing Managers' Index» ist in der Schweiz und der Eurozone seit Monaten unter der Wachstumsschwelle. Und die Konjunkturprognosen in unserem Hauptmarkt, der EU, sind nicht gut. Die kommenden Monate bleiben für die MEM-Firmen schwierig.

Befürchten Sie immer noch einen massiven Stellenabbau in der Industrie? In der Vergangenheit sprachen Sie davon, dass gegen 10'000 Jobs in der Schweiz in Gefahr seien. 


Diese Aussage stammt aus der Zeit vor der Festlegung der Wechselkursuntergrenze von 1.20 Franken. Als im August 2011 der Eurokurs die Parität zum Schweizer Franken streifte, musste man tatsächlich das Schlimmste befürchten. Die entschlossenen Gegenmassnahmen der Unternehmen sowie die mutige Festlegung einer Wechselkursuntergrenze durch die Schweizerische Nationalbank haben für den Moment Tausende Arbeitsplätze erhalten. Aber die Schweizer Exportindustrie ist noch nicht über dem Berg.

Ihre Prognosen scheinen sich im Falle von Siemens Schweiz jedenfalls zu bewahrheiten. Wie reagieren Sie auf diese Entlassungen? 

Jeder Stellenabbau ist bedauerlich. Aufgrund der nun seit Monaten angespannten Lage in der MEM-Industrie ist es leider keine Überraschung, dass es nun auch zu Stellenabbau kommt. Aber die Firmen müssen handeln, um ihre internationale Konkurrenzfähigkeit auf der Hochpreisinsel Schweiz wieder zurück zu gewinnen. Das beinhaltet leider auch Verlagerungen von Arbeitsplätzen in kostengünstigere Länder.

Die Auslagerung als «letzter Rettungsanker» macht bei Schweizer Exportfirmen Schule. Laut einer Studie haben bereits die Hälfte aller Exportfirmen zumindest einen Teil der Produktion ins Ausland verlagert. Wie reagieren Sie auf diese Entwicklung?
Mit grossem Bedauern, aber gleichzeitig auch mit einem gewissen Verständnis. Manuelle Produktionsprozesse, die sich nicht automatisieren lassen, sind aufgrund der hohen Lohn- und der hohen übrigen Kosten in der Schweiz sowie angesichts der anhaltenden Überbewertung des Frankens kaum mehr in der Schweiz zu halten. In solchen Fällen werden wir wohl weitere Verlagerungen sehen. Es geht den Firmen aber auch darum, die übrigen Jobs in der Schweiz zu sichern.

Macht es überhaupt noch Sinn, den Produktionsstandort in der Schweiz zu halten, wenn sich die betroffenen Firmen immer wieder über den starken Franken, die hohen Personal- und Produktionskosten beklagen?

Wenn es gleichgültig ist, dass 700‘000 Jobs in der Schweizer Industrie und 20 Prozent des Bruttoinlandprodukts verschwinden, dann dürfen Sie diese Sinnfrage stellen. Wenn die Industrie als wichtiges Standbein der Volkswirtschaft nicht gleichgültig ist, dann muss die Frage anders lauten.

Wie denn? 
Wie können wir sicherstellen, dass die Schweiz ein attraktiver Produktionsstandort bleibt? Der Produktionsstandort Schweiz hat nach wie vor Vorteile. Zu nennen sind der liberale Arbeitsmarkt, sehr gut ausgebildete Fachkräfte, hervorragende Forschungs- und Bildungsinstitutionen, eine gut funktionierende Infrastruktur sowie die Verfügbarkeit kostengünstiger Kredite. Wenn wir unsere Stärken ausbauen und gemeinsam die Kosten auf der Hochpreisinsel Schweiz kontinuierlich senken, macht die Produktion in der Schweiz auch in Zukunft für viele Firmen Sinn. Dafür setzt sich Swissmem ein.

Und was ist mit der Chance «Energiewende»? Wenn sich der Wirtschaftsstandort Schweiz geschlossen hinter den angestrebten Atomausstieg des Bundesrates stellen würde und die Entwicklung und Installation von erneuerbaren Energien wie Wind, Sonne oder Wasser vorantreiben würde, dann könnten in der Schweiz doch Tausende von neuen Arbeitsplätzen geschaffen werden. 



Diese Chancen bestehen und die Firmen haben diese lange vor Fukushima gesehen, genutzt und neue Jobs geschaffen. Denn das Hauptproblem bleibt die Klimaerwärmung mit ihren langfristig katastrophalen Konsequenzen.

Aber?
Damit unsere Industrie ihren wichtigen Beitrag zur Reduktion der Klimaerwärmung leisten kann, darf man sie mit dieser «Energiestrategie 2050» nicht kaputt machen. Wir brauchen weiterhin genügend Strom und international wettbewerbsfähige Strompreise. Ich sehe bis heute noch keine realistische und umsetzbare Gesamtenergiestrategie, die den Wegfall der Produktionskapazität aus den Kernkraftwerken von rund 40 Prozent unserer heutigen Stromerzeugung kompensieren und den erforderlichen Ausbau der Netzinfrastruktur sicherstellen kann.

Nochmals zurück zur Franken-Untergrenze: Glauben Sie nicht, dass die Ankündigung der Europäischen Zentralbank, unbegrenzt Staatsanleihen von maroden EU-Staaten aufzukaufen, für eine weitere Entspannung an den Finanzmärkten sorgen wird?

Wir hoffen auf eine nachhaltige Lösung der Schuldenkrise in den Euroländern. Das ist die Voraussetzung, damit sich auch die Konjunktur in der Eurozone erholen kann. Die Massnahme der EZB stellt kurzfristig den erhoffen Befreiungsschlag dar. Ob dieser auch nachhaltig ist, muss sich erst weisen.

In der Vergangenheit sprachen Sie sich für eine Erhöhung der Franken-Untergrenze auf 1.35 Franken aus. 
Macht diese Forderung zum heutigen Zeitpunkt noch Sinn?
Es versteht sich von selbst, dass sich die exportorientierten Unternehmen einen Wechselkurs wünschen, welcher der aktuellen Kaufkraftparität von rund 1.35 Franken entspricht. Ich glaube aber, dass eine höhere Untergrenze zurzeit nicht realistisch ist.

Warum?
Das aktuelle Niveau von 1.20 Franken ist international breit akzeptiert. Ob das bei einer höheren Untergrenze auch der Fall wäre, bezweifle ich sehr. Bei einer Erhöhung der Untergrenze würde zudem der Druck auf den Franken wieder zunehmen. Mir ist ein stabiler Wechselkurs auf 1.20 Franken lieber als eine höhere Untergrenze, die nicht gehalten wird. Zudem gehen wir davon aus, dass die Kaufkraftparität in den nächsten Jahren dank höherer Inflation im Euroraum weiter nach unten sinken und uns damit wieder gleich lange Spiesse im Wettbewerb gegen unsere ausländischen Konkurrenten verschaffen wird.

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