Herr Hess, jammern Sie nicht auf hohem Niveau? Der Euro steht schon wieder bei 1,14 Franken. Und die MEM-Industrie hat zwar ein schlechtes Quartal hinter sich, aber im Halbjahr liegen die Bestelleingänge zwölf Prozent im Plus.

Hans Hess: Wenn man sich nur die Topline anschaut, also Umsatz und Auftragseingang, darf man sicher sagen: Die Umsätze sind ansprechend, die Auftragseingänge sind noch nicht dramatisch im zweiten Quartal und die Auslastung der Fabriken ist gut. Aber mit diesem massiv überteuerten Franken verdienen die Firmen nichts mehr, ihre Margen sind weggeschmolzen. Ein Drittel unserer Unternehmen macht Verlust und lebt von der Substanz, vor allem die mittleren und kleinen. 1,14 Franken löst das Problem überhaupt nicht.

Wie reagieren die Unternehmer?

Sie stehen im Wettbewerb mit Konkurrenten, die 20 bis 30 Prozent tiefere Preise anbieten können. Aber sie wollen ihre Kunden, die sie sich über Jahre geangelt haben, nicht aufgeben. Daher machen sie lieber ein Geschäft mit schlechten oder gar keinen Margen. Dann haben sie auch ihre Fabriken ausgelastet und können wenigsten einen Teil des Währungsproblems auf der Kostenseite kompensieren.

Die Exportindustrie generell hat im Juli zugelegt ...

Sie sprechen immer noch von Umsatz und Auftragseingang. Zwar sieht man in den Exportstatistiken schon, dass die Preise runtergekommen sind. Aber es sind Durchschnittswerte. Wenn man genauer hinguckt, sieht man: Mindestens ein Drittel unserer Firmen lebt von der Substanz und deren Tage sind gezählt. Ein Drittel hat eine schlechte Marge, wird aber handeln nicht untergehen. Und ein Drittel ist auf ganz anständigem Margenniveau. Das erste Drittel, die Firmen in Gefahr, das sind vor allem die kleinen.

Aber gerade bei den nicht-börsenkotierten kleinen und mittleren Unternehmen, hört man zwar, dass die Frankenstärke Schuld an den Verlusten sei. Aber man kann es nicht überprüfen, denn sie müssen ihre Zahlen nicht offenlegen. Worauf können wir uns verlassen?
 
Ich sehe einen Teil der Zahlen. Und ich führe viele, viele Gespräche mit diesen Menschen. Da sehe ich die Panik in ihren Augen. Dazu muss ich nicht mal die Zahlen sehen. Ich warne die kleinen Unternehmer aber davor, ihre Probleme mit der Frankenstärke laut zu verkünden. Denn wenn sie es tun, kommen zuerst ihre Kunden und fragen: «Oh, können wir uns noch auf dich verlassen, gibt es dich noch in sechs Monaten?» Dann kommen die Lieferanten und sagen: «Wir liefern nur noch, wenn wir sofort das Geld bekommen.» Und schliesslich kommen die Banken und sagen: «Ihr seid ein Risikofaktor, wir müssen eure Kreditlinie kürzen und eure Zinsen hochsetzen.»

Wie steht es um die Firmen, die nicht so sehr vom Export abhängig sind?

Es kommen ausländische Konkurrenten mit 20 bis 30 Prozent tieferen Preisen in die Schweiz. Diese Möglichkeit haben noch nicht alle entdeckt. Aber wenn sie aggressiver vorgehen, wird es auch für die Firmen schwieriger, die in der Schweiz verkaufen. Dazu kommt: Wenn sich die Weltkonjunktur abkühlt, und dafür gibt es erste Anzeichen bei den Frühzyklikern, haben wir im Inland und Export zwei Dinge: einen viel zu starken Franken, der uns konkurrenzunfähig macht, und keine Aufträge mehr.

(laf)

Anzeige