Je abstrakter die Materie, umso plumper die Weisheiten. Komplexitätsreduktion entspannt den Menschen, besonders wenns ums Geld geht. An den Finanzmärkten fallen darum Kurse wie Messer und im Mai heisst es wegrennen. Notorische Chauvinisten bringen zudem gerne die Hausfrauenbörse ins Spiel – als untrügliches Zeichen für das bevorstehende Platzen einer Blase.

Dieselben Hausfrauen (und Hausmänner, um hier politisch korrekt zu bleiben) machen nun auch dem Immobilienmarkt zu schaffen. Immer mehr Schweizer mit zu kleinem Finanzpolster wagen unbekümmert den zu grossen Hauskauf. An der Schweizer Betonfront wächst die Beunruhigung. Zwar bleiben immer noch ein paar Branchenkenner cool, aber die meisten machen sich langsam Sorgen. Neue Erkenntnisse der Nationalbank sind unter anderem der Grund dafür. Deren Experten fanden jüngst mit einer Umfrage bei den Banken heraus, dass viele Neuhypotheken an Leute vergeben werden, die sich das eigentlich gar nicht leisten können. «Inzwischen gehen 40 Prozent der neuen Hypotheken an Kunden, die bei 5 Prozent Zins finanziell in Schieflage geraten würden», schrieb der «Sonntags-Blick». Im Klartext: Zwei von fünf neuen Hausbesitzern droht bei höheren Zinsen die Pleite.

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In keinem europäischen Land stiegen die Preise schneller

Hiobsbotschaften kommen freilich selten allein. Keine zwei Wochen ist es her, als bereits eine andere Nachricht für Schlagzeilen sorgte. Der Immobilienblasenindex der UBS hatte wieder mal zugelegt. Die Gefahr einer Korrektur auf dem Wohnimmobilienmarkt sei weiter gestiegen, liess die Grossbank verlauten. In den letzten vier Jahren stiegen die Preise in der Schweiz real um 20 Prozent an. Da kann kein anderes europäisches Land mithalten. Selbst die Deutschen schaffen das nicht, obwohl sie aufgrund historisch bedingter Inflationsängste derzeit ihr ganzes Geld verbauen. Laut UBS leben heute 2,5 Millionen Schweizer in sogenannten Gefahrenregionen. Zur Liga der Hot Spots gehören neuerdings auch Gebiete wie Luzern und Innerschwyz.

Es herrscht Leichtsinn im Land. Erinnerungen an amerikanische Konsumgewohnheiten werden wach. Für Flatscreen, Auto, Traumurlaub und Traumwohnung gibt es nur noch eine akzeptierte Wartezeit – sofort. Finanzierungen sind spottbillig. Sparen gilt als ewiggestrig. Das Wort Notvorrat kennt nur noch die Grossmutter.

Doch die Schweizer leiden an kollektivem Gedächtnisschwund. Hohe Hypothekarzinsen übersteigen ihre Vorstellungskraft. Dabei ist es keine 20 Jahre her, dass die Sätze weit über dem heutigen Niveau lagen. Anfang der 1990er-Jahre kostete eine variable Hypothek bis zu 7 Prozent Zins. Gleichzeitig rollte damals eine Immobilienkrise durchs Land.

Zinswende dürfte viele Hausbesitzer schmerzhaft treffen

Heute ist vieles, aber nicht alles anders. Denn schon wieder glaubt eine wachsende Zahl von Schweizern, die Lizenz zum Gelddrucken gefunden zu haben. Man kauft immer öfter auf Pump eine Wohnung und lebt gar nicht selber drin, sondern vermietet sie zu einem horrenden Mietzins weiter. Die Banken machen bei diesem Roulette mit. Sie betonen zwar immer wieder, dass sie bei der Vergabe der Hypotheken strenger geworden seien. Die Zahlen deuten in eine andere Richtung. Gewisse Institute finanzieren munter drauflos.

Dass diese Exzesse am Ende gleich das ganze System gefährden, scheint nicht sehr wahrscheinlich. Dennoch dürfte eine Zinswende eine stolze Zahl von Immobilienbesitzern und ihre Finan zierer schmerzhaft treffen. Die Banken sollten manche Kunden aus Eigeninteresse mehr vor sich selber schützen. Sonst wird die Politik irgendwann die Kunden vor den Banken schützen wollen.

Aber noch mehr Kapitalpuffer und Regulierungen kann wohl kaum jemand wollen. Das wäre fast so übel wie ein fallendes Messer – und danach will man nur noch wegrennen.

*(und –männer)