Die Biotechfirma Philochem hat alle Hände voll zu tun. Beim KMU mit seinen 70 Beschäftigten laufen mehrere Forschungsprojekte, die vom Bund unterstützt werden. Im August hat das ETH-Spin-off 350000 Franken von der Kommission für Technologie und Innovation (KTI) erhalten. Mit dem sogenannten Innovationsvoucher forscht Philochem nach neuen Antikörperfusionsproteinen, die bei Krankheiten wie Krebs oder Entzündungen Heilung bringen sollen. «Es ist bereits unser drittes KTI-Projekt», sagt Verwaltungsrätin Manuela Kaspar. Und jetzt ist sogar das vierte geplant. «Wir haben gehört, dass die KTI mehr Budget erhält. Für uns eine gute Gelegenheit, ein weiteres Forschungsprojekt einzugeben», so Kaspar. Bis Mitte Dezember muss allerdings der Projektantrag in Bern sein.

Zu viel Geld auf einmal

Philochem ist eines von mehreren Hundert Schweizer Unternehmen, die auf die finanzielle Hilfe der KTI zählen. Dass die Firma gleich mehrfach vom üppig ausgestatteten Topf der staatlichen Innovationsförderung profitieren kann, verdankt sie verschiedenen Zusatzschüben. Neben der normalen Projektunterstützung, für die dem KTI jährlich rund 100 Millionen Franken zur Verfügung stehen, existieren mit den Innovationsvouchers und den Innovationschecks weitere Förderinstrumente. Hinzu kommt nun eine besonders grosszügige Innovationsspritze von 100 Millionen Franken. Diesen Betrag haben die Berner Parlamentarier im Rahmen der Sondermassnahmen zur Bekämpfung der Frankenstärke gesprochen. Mit der Summe wird das ordentliche Budget der KTI auf einen Schlag fast verdoppelt. Brisant dabei ist, dass das Geld bis spätestens Ende Jahr verteilt sein sollte. Eile ist also angesagt, die alle Beteiligten in zeitliche Bedrängnis bringt. Eine mit den Förderungsabläufen vertraute Expertin meint: «Um ein Projekt einigermassen seriös aufzugleisen, sind mindestens drei Monate erforderlich.»

Zwar soll der Bewilligungsprozess nun beschleunigt werden, dank gelockerten Bedingungen. Ein wesentlicher Punkt dabei ist, dass die bisherige Kostenbeteiligung der Firmen von mindestens 50 Prozent entfällt. «Für notleidende KMU sind die Eigenleistungen unter Umständen ganz zu erlassen», schreibt der Bundesrat in der revidierten Verordnung.

Es mangelt nicht an kritischen Stimmen, die in den schnell auszuschüttenden Zusatzgeldern einen Nährboden für die reinste Verschwendung sehen. CVP-Nationalrat Arthur Loepfe erklärt: «Ich halte die 100 Millionen für eine Alibiübung, zumal die KTI die ordentlichen Kredite für das laufende Jahr noch lange nicht ausgeschöpft hat.» Loepfe bezweifelt, dass es in der kurzen zur Verfügung stehenden Zeit gelingen wird, genug förderungswürdige Projekte aus dem Boden zu stampfen.

Ähnlich äussert sich der grünliberale Nationalrat Martin Bäumle. Er bezeichnet den 100-Millionen-Kredit als «unüberlegten Schnellschuss». Der enge Zeitrahmen lasse gar nicht zu, dass man neue Projekte genügend prüfen könne. Mit derart kurzfristigen Ansätzen werden nach Bäumle zudem «falsche Signale ausgesendet und gültige Grundsätze verletzt».

Swissmem-Sprecher Ivo Zimmermann glaubt zwar, dass die Unternehmen die zusätzliche Chance des 100-Millionen-Zustupfs durchaus zu nutzen wissen. Mühe mache der Wirtschaft jedoch, dass die KTI-Fördermittel unstet fliessen. Im letzten Jahr zum Beispiel seien die Gelder viel zu knapp gewesen. Eine stattliche Zahl von eigentlich guten Gesuchen sei deswegen zurückgewiesen worden. Nun herrsche mit dem jüngsten politischen Entscheid plötzlich Überfluss. «Eine solche Stop-and-go-Politik ist nicht optimal», so Zimmermann. Besser wäre es, jedes Jahr regelmässig 150 Millionen Franken für KTI-Projekte zu sprechen.

Fritz Schiesser, Präsident des ETH-Rats, begrüsst zwar den zusätzlichen Fördersegen. Doch räumt er ein, dass die kurzen Einreichungsfristen für den langfristig orientierten Forschungsbetrieb nicht optimal seien. «Aber wir sehen durchaus Projekte, die nun rascher realisiert werden können.»

Ob die Wirtschaft die zusätzlichen Fördermittel schlucken und verdauen kann, bleibt umstritten. Fraglich ist weiter, ob die KTI selbst überhaupt in der Lage ist, die Gelder fristgerecht zu verteilen. Denn die Geschäftsstelle befindet sich in einer Phase der Umstrukturierung. Zudem hat sie in diesem Jahr bereits weitere Zusatzaufgaben gefasst. KTI-Präsident Walter Steinlin will nun das Personal leicht aufstocken und rund 50 Innovationsmentoren rekrutieren. Diese sollen den Unternehmen bei der Ausarbeitung von neuen Gesuchen zur Seite stehen. «Der Aufwand ist gross, aber alle Mitarbeiter sind bereit, die erforderliche Mehrarbeit zu leisten», sagt er.

Regionale Netzwerke sind überfordert

Überfordert mit der neuen Situation sind hingegen die regionalen Netzwerke und Transferstellen, die sogenannten WTT-Konsortien. Sie müssen an der Basis die eigentliche Knochenarbeit leisten. Nicht überraschend werden sie nun mit zusätzlichen Anträgen buchstäblich überschwemmt. Christoph Meier zum Beispiel, Direktor der Freiburger Innovationsplattform Platinn, ist jetzt damit beschäftigt, mit seinen Mitarbeitern zwei Dutzend neu lancierte Projekte zu prüfen. Weitere Gesuche schneit es fast täglich herein. Es gelte, aus der Quantität in genügender Anzahl gute Qualität herauszufiltern, lässt er durchblicken. Er befürchtet allerdings, dass aufgrund der aufgeweichten Kriterien das Geld vor allem bei den Hochschulen und weniger bei den KMU landen wird. Anders sieht dies Gian-Luca Bona, Direktor der Empa: «Die Mitarbeit der Unternehmen bleibt zentral, denn sie müssen Produkte und Verfahren später in den Markt tragen.»

Nicht auszuschliessen ist, dass bei der primär auf KMU fokussierten KTI nun öfter auch grosse Unternehmen anklopfen werden. Dies ist beim Innovationsvoucher bereits passiert. Der Gutschein kann, wie es in den Bestimmungen gummig heisst, «von Unternehmen, insbesondere KMU und Start-ups», beantragt werden. Der Grosskonzern Lonza hat dies genutzt, um in den Genuss eines Innovationsvouchers in der Höhe von 350000 Franken zu gelangen. «Ausschlaggebend sind letztlich der innovative Gehalt und die Erfolgsaussichten eines Projekts. Wir haben das Gesuch der Lonza als guten Ansatz bewertet, den Standort Schweiz zu stärken», rechtfertigt Steinlin diese Vergabepraxis.

Auf heftige Kritik stösst die Förderung von Lonza hingegen beim Schweizerischen KMU-Verband (SKV). Geschäftsführer Roland R. Rupp wettert: «Da zeigt sich einmal mehr, dass grosse Firmen mit guten Beziehungen Geld erhalten, die kleineren Firmen aber leer ausgehen.»

 

Bundeshilfen: Checks, Vouchers und Projekte

Grundprinzip
Die Kommission für Technologie und Innovation (KTI) fördert anwendungsorientierte Forschung und Entwicklung (F&E) sowie das Unternehmertum. Sie hilft Jungunternehmen bei deren Gründung und unterstützt den Wissens- und Technologietransfer über Netzwerke, Plattformen und Initiativen. Für die Förderperiode 2008 bis 2011 beträgt das Budget 532 Millionen Franken. Es reicht, um jährlich rund 300 Projekte mit 100 Millionen Franken zu unterstützen. Der Betrag löst jeweils einen F&E-Umsatz von über 200 Millionen aus. Nach bisherigen Kriterien müssen die Unternehmen mindestens die Hälfte der Projektkosten übernehmen. Faktisch werden mit dem KTI-Geld rund 1000 Forschungsstellen an den Hochschulen finanziert.

Sonderförderung 2011
In diesem Frühjahr hat der Bundesrat zusätzliche 10 Millionen Franken für die KTI gesprochen. Mit Innovationschecks können KMU zu erleichterten Bedingungen Leistungen von Forschungsinstitutionen in der Höhe von 7500 Franken beziehen. Bisher haben 128 Firmen (Stand 15. Oktober) davon profitiert. Im Juli wurde das Pilotprojekt Innovationsvoucher gestartet. Bislang sind sieben Vouchers von jeweils 350000 Franken vergeben worden, davon drei an Lonza, Philochem, Compliant Concept. Nun erhält die KTI über die Sondermassnahmen zur Bekämpfung der Auswirkungen der Euro-Schwäche zusätzliche 100 Millionen Franken für die Innovationsförderung, die bis Ende Jahr in neue Projekte fliessen müssen.