Alljährlich im Herbst trüben sich die Wirtschaftsaussichten ein. Scheinbar wie programmiert revidieren die Konjunkturforscher ihre Prognosen nach unten. Wie abgesprochen reiht sich ein Stellenabbauplan an den nächsten. Als Lohnabhängiger fühlt man sich in einer Endlosschleife.

2500 Stellen weniger bei der UBS, je 400 bei Swisscom und Lonza, 300 bei der Credit Suisse: Seit Oktober vergeht keine Woche ohne Abbaumeldung, über 5000 Jobs sind es bereits. Das macht die gewerkschaftlichen Forderungen nach generellen Lohnerhöhungen von 1,5 bis 2,5 Prozent zur Makulatur.

Es ist deshalb ein Vorteil, dass das Ritual des heissen Herbstes in den letzten Jahren durchbrochen wurde. Viele Betriebe verlegten die Lohnverhandlungen in den Frühling. Die Zeiten der landes- und branchenweiten Lohn-erhöhungen sind vorbei. Zu unterschiedlich verlaufen die Branchenkonjunkturen heutzutage. Derzeit fährt die Schweizer Wirtschaft mit zwei Geschwindigkeiten: Krise in der Export-industrie, Boom in der Binnenwirtschaft.

Überhitzung hier, Kampf ums Überleben dort

Die exportorientierte Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie leidet schwer unter der Frankenstärke und dem weltweiten Konjunktureinbruch. Sie kämpft ums Überleben. Dem Gastgewerbe fehlen die ausländischen Touristen, die Banken müssen ihre Geschäftsmodelle revidieren. Auf der anderen Seite läuft der Immobilienmarkt heiss, die Bauwirtschaft boomt. Auch Uhrenindustrie und Pharma spüren die konjunkturelle Eintrübung noch kaum.

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Die Lohnverhandlungen müssen sich deshalb zunehmend nicht nur an den Möglichkeiten der einzelnen Branchen, sondern an der Situation der einzelnen Unternehmung orientieren. Betriebe mit starker Marktposition und hohen Gewinnen werden die Löhne deutlich erhöhen müssen, um wertvolle Mitarbeiter zu binden und für die besten attraktiv zu bleiben. Betriebe im Überlebenskampf werden dagegen auf die Lohnzurückhaltung der Mitarbeiter angewiesen sein.

Der Blick über die Grenze relativiert die Sorgen

Trotzdem gibt es wenig Grund zu Frustrationen. In einem Hochlohnland wie der Schweiz bedeutet eine Lohnerhöhung um 1 Prozent, wie sie derzeit für 2013 prognostiziert wird, immer noch viel Geld. Die Löhne sind hierzulande weit höher als im übrigen Europa und man kann sich mehr dafür kaufen, wie die UBS-Studie über Preise und Löhne in 72 Städten weltweit zeigt.

Der Blick über die Grenze müsste die Schweizer Sorgen alleweil stark relativieren. Im internationalen Vergleich ist der Schweizer Arbeitsmarkt in beneidenswerter Verfassung. Die Attraktivität der Lohn- und Arbeitsbedingungen lässt sich an der hohen Zuwanderung ablesen.

Ein wohliges Déjà-vu-Gefühl

Der vernünftige Umgang zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern und die hohe Flexibilität des Arbeitsmarktes haben massgeblich zu diesem Sonderfall beigetragen. Beides ist jedoch nicht gottgegeben. Die Gewerkschaft Unia stellt das Friedensabkommen in der schweizerischen Metall- und Maschinenindustrie in Frage, das 75 Jahre lang gehalten hat und als Modell für die Sozialpartnerschaft gilt.

Mit der flächendeckenden Einführung von hohen Mindestlöhnen, der Lohndeckelung durch die 1:12-Initiative und der Initiative gegen die Personenfreizügigkeit sind weitere Angriffe auf das Erfolgsmodell geplant.

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Der Vergleich mit dem Ausland verleiht ein wohliges Déjà-vu-Gefühl. Wir haben uns daran gewöhnt, dass unsere Löhne höher sind, die Arbeitslosigkeit tiefer und der Arbeitsfrieden gesichert ist. Doch wir stecken nicht in der Endlosschleife. Es gibt keine Garantie für ewigen Wohlstand. Wer seine Stärken nicht pflegt, verliert sie.

 


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