Das Schweizer Bankgeheimnis, einst der Inbegriff helvetischer Verlässlichkeit und Diskretion, erinnert zusehends an ein Mikado-Spiel. Bei dem beliebten Zeitvertreib mit fernöstlichem Flair geht es darum, einzelne Stäbchen vom Boden aufzuheben, ohne dabei andere zu bewegen. Verschiebt sich dennoch ein Stab, ist der nächste Spieler an der Reihe. Wer am Ende die meisten Mikado-Stäbe aufgehoben hat, geht als Gewinner hervor.

Im Unterschied zum populären Geschicklichkeitsspiel für die ganze Familie scheint es beim Schweizer Mikado-Banking nur Verlierer zu geben. Seit Jahren bemühen sich die Teilnehmer, einzelne Stäbchen aus dem Bankgeheimnis-Geflecht herauszuziehen, ohne dass sich dabei etwas bewegt. Doch es gelingt ihnen nie. Jedes Mal wird das Bankgeheimnis nur umso heftiger erschüttert. Das zeigt sich auch in der aktuellen Affäre um Nationalbank-Präsident Philipp Hildebrand.

An waghalsigen Spielern mangelt es wahrhaftig nicht. Da ist zuerst ein smarter Notenbank-Präsident, der mit privaten Devisentransaktionen die Glaubwürdigkeit einer für den Finanzplatz zentralen Institution ins Wanken bringt.

Da ist auch ein profilierungssüchtiger alt Bundesrat, dem selbst ein Bankgeheimnis-Missbrauch nicht zu schade ist, um persönliche Rachegefühle zu befriedigen. Und auch eine an sich seriöse Bank, die es versäumt hat, hoch sensible Daten eines Top-Kunden mit der nötigen Diskretion zu «stabilisieren». Alle ziehen sie ihre Mikado-Stäbchen und wollen der Öffentlichkeit glauben machen, dass in Sachen Bankgeheimnis alles unter Kontrolle ist.

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Bankgeheimnis als blosses Lippenbekenntnis

Aus einiger Entfernung betrachtet geben die Schweizer Akteure jedoch ein schauerliches Bild ab. Mehr noch: Wie nirgendwo anders auf der Welt bringen sie es immer wieder fertig, genau jene Tugenden umzustossen, die in der Vergangenheit die Solidität und Verlässlichkeit der Schweiz untermauert und das Erfolgsgeheimnis des Landes ausgemacht haben.

Was nützt ein Notenbank-Präsident, der nicht mehr auf seine Unabhängigkeit pochen kann? Was sind Banken wert, bei denen das Bankgeheimnis bloss noch ein Lippenbekenntnis ist? Und was nützen Politiker, die mit ihrer Geltungssucht die Integrität des Finanzplatzes torpedieren?

In der früheren DDR gab es den Begriff des «Beamten-Mikado», der als Metapher für die Untätigkeit von Behörden und Politik galt: «Wer sich bewegt, hat verloren.» Ausnahmsweise täten die zahlreichen Akteure auf dem Schweizer Finanzplatz für einmal gut daran, diese Devise aus einer untergegangenen Welt zu beherzigen.