Im Euro-Raum gibt es zur Krisenbekämpfung jetzt Negativzinsen, gleichzeitig eilen die Börsen von Rekord zu Rekord. Wie geht das zusammen?
Oswald Grübel: Beides ist eine direkte Folge der Geldmarktpolitik der Notenbanken. Sie erhöhen laufend die Geldmenge, um die Zinsen bei null Prozent zu halten. Die Investoren passen sich der Entwicklung an und kaufen Aktien, Bonds und Immobilien. Dort sind die Preise explodiert. Profitiert davon haben nur wenige – hauptsächlich das reichste Prozent der Bevölkerung. Die grosse Mehrheit ist bei diesem Boom nicht dabei.

Sie prophezeien den «grössten Crash aller Zeiten». Wie kommen Sie darauf?
Es geht um die Rolle der grossen Geschäftsbanken als Marktmacher in Aktien und anderen Finanzinstrumenten, die sehr wichtig für die Liquidität der Märkte ist, aber mit zunehmender Regulierung aufgegeben werden muss. Wenn die grossen Banken sich mehr und mehr aus Märkten und Börsen zurückziehen, weil die Kapitalanforderungen die Rentabilität massiv reduzieren, dann fehlt bei einer Trendwende ein entscheidendes Element. Will die Mehrheit der Investoren verkaufen, werden die Kurse schneller und stärker fallen als früher, da die Banken nicht als Käufer auftreten werden. Das könnte ein Ausmass annehmen, das weit über frühere Crashs hinausgeht.

Sie sehen die Notenbanker als die «Masters of the Universe». So nannte man früher die Investmentbanker. Sind die Chefs der Zentralbanken heute die Trader?
Wir werden Zeugen einer Geschichte, die es so noch nie gegeben hat und die noch nicht zu Ende geschrieben ist. Die Zentralbanken greifen nach Jahrzehnten der Zurückhaltung direkt ins Wirtschaftsgeschehen ein. Die Politik treibt sie dazu. Sie haben ihre Bilanzen auf ein Vielfaches der früheren Bestände erhöht unter dem Vorwand, die Wirtschaft anzukurbeln.

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Sie wollen damit Schlimmeres abwenden und dürften breiten Sukkurs geniessen. Wie sonst wäre der expansive Kurs rund um den Globus möglich?
Im Unterschied zu den Geschäftsbanken, die selbst in den Boom-Zeiten eine Obergrenze bei der Verschuldung hatten, kennen die Notenbanken keine Grenzen mehr. Sie tun das in der festen Überzeugung, dass ihnen nichts passieren kann, weil sie ja unendlich viel Geld drucken und keine Spekulanten gegen sie wetten können. Wie heisst es doch: Sie können nicht gegen Gott wetten, weil Gott unendlich ist und damit immer recht hat.

Die Zentralbanker als die Götter der Finanzmärkte?
Die Anbindung des Frankens an den Euro ist einer der weitreichendsten Eingriffe in die Wirtschaft, die wir in der Schweiz bisher gesehen haben. Es handelt sich dabei um eine gigantische Gratisoption für die ganze Wirtschaft, Real- wie Finanzwirtschaft. Die Exporte aus der Schweiz sind explodiert, sogar im Dollar-Raum, obwohl die US-Währung sich gegenüber dem Franken abgeschwächt hat. Wäre ein starker Franken Gift für die Exporteure, dann hätte diese Entwicklung nicht eintreten dürfen.

Die Euro-Anbindung des Schweizer Frankens dauert bald drei Jahre. Die Wirtschaft brummt, das Wachstum ist hoch, die Arbeitslosigkeit tief. Trotzdem kritisieren Sie den Entscheid. Warum?
Was die tatsächlichen Folgen der Anbindung sein werden, wissen wir erst, wenn wir sie wieder aufheben wollen. Wenn dann aus einem harten Franken eine Weichwährung geworden ist, sind wir alle Verlierer. Ein schwacher Franken würde sämtliche Vermögen reduzieren, die einzigen Gewinner werden diejenigen sein, die netto verschuldet sind.

Wenn Sie recht haben, dann geht die SNB ein grosses Risiko mit ihrem Kurs der Euro-Anbindung ein. Warum tut sie das?
Wenn man sieht, wie viel Euro die SNB bereits in ihrer Bilanz hat, könnte ein Schelm zum Schluss kommen, dass unsere Politiker ein verstecktes Ziel haben. Nach vielen Jahren der Anbindung an den Euro könnte die Regierung dereinst argumentieren, dass man gut mit dieser Massnahme gefahren sei und dass man nun auch formell dem Euro beitreten müsse, da man den fixen Kurs nicht mehr abschaffen könne. Wenn dann das Schweizer Volk dem Vorhaben zustimmen würde, wäre das Land zur Freude vieler unserer Politiker endlich in der EU.

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Denken Sie tatsächlich, dass Bern und Notenbank das anstreben?
Wir wissen alle, dass die seinerzeitige Anbindung am lautesten gutgeheissen wurde von jenen politischen Kräften, die schon immer von einem EU-Beitritt träumten. Unsere Industrie würde massiv Schaden nehmen, wenn der Franken gegenüber dem Euro nicht sofort geschwächt würde, hiess es damals. Das hätte man hinterfragen sollen. Die Japaner zum Beispiel müssten doch viel schlechter dastehen, wenn das stimmen würde. Japan hat trotz einer über die Jahrzehnte steigenden Währung seine Exportindus­trie erfolgreich ausweiten können.

Als die SNB zu einem sehr frühen Zeitpunkt massiv Euro kaufte, war Philipp Hildebrand ihr Präsident. Geht Hildebrand als Vater dieser expansiven Strategie in die Geschichtsbücher ein?
Hildebrand war einer von drei Präsidiumsmitgliedern. Entscheidend ist die Frage, wer dereinst, wenn die Euro-Anbindung sich als Fehler herausstellen sollte, die Verantwortung für den eingeschlagenen Weg übernimmt. Wer den Schaden trägt, ist heute schon klar: Das Volk. Das war schon immer so bei politischen Fehlentscheiden.

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